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Kei­ne Ent­schä­di­gung für Schein­be­wer­ber

Schein­be­wer­ber kön­nen sich nicht auf die EU-Richt­li­ni­en zum Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz be­ru­fen: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 28.07.2016, C-423/15 (Nils Krat­zer)

02.08.2016. Es gibt nicht vie­le AGG-Hop­per, aber es gibt sie: Schein-Be­wer­ber, die sich auf ei­ne Stel­len­an­zei­ge nur "be­wer­ben", um ei­ne Ab­sa­ge zu er­hal­ten.

Denn wenn die Stel­len­an­zei­ge dis­kri­mi­nie­rend for­mu­liert ist, ste­hen die Chan­cen für den ab­ge­lehn­ten "Be­wer­ber" nicht schlecht, durch ei­ne (miss­bräuch­li­che) Ent­schä­di­gungs­kla­ge letzt­lich ei­ne Gel­dent­schä­di­gung zu er­gat­tern.

Vor ei­ni­gen Ta­gen hat Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) klar­ge­stellt: Wer ei­ne Be­wer­bung nur des­halb ein­reicht, um den Ar­beit­ge­ber spä­ter auf ei­ne Gel­dent­schä­di­gung zu ver­kla­gen, kann sich nicht auf die EU-Richt­li­ni­en zum Schutz vor Dis­kri­mi­nie­run­gen be­ru­fen: EuGH, Ur­teil vom 28.07.2016, C-423/15 (Nils Krat­zer).

Schutz durch die Richtlinie 2000/78/EG und die Richtlinie 2006/54/EG auch für Scheinbewerber?

Nach dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) sind Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters, des Ge­schlechts oder der eth­ni­schen Her­kunft bei Stel­len­be­set­zun­gen ver­bo­ten. Das er­gibt sich aus § 1 AGG in Verb. mit § 2 Abs.1 Nr.1, § 6 Abs.1 Satz 2 und § 7 Abs.1 AGG.

Ar­beit­ge­ber, die sich dar­an nicht hal­ten und ent­ge­gen § 11 AGG ei­ne dis­kri­mi­nie­ren­de Stel­len­an­zei­ge auf­ge­ben, müssen da­mit rech­nen, von ab­ge­lehn­ten Be­wer­bern gemäß § 15 AGG auf Zah­lung ei­ner Gel­dentschädi­gung ver­klagt zu wer­den. Und da ei­ne dis­kri­mi­nie­ren­de Stel­le­an­zei­ge ("er­fah­re­ner Kraft­fah­rer", "jun­ge Verkäufe­r­in") ein In­diz dafür ist, dass ein ab­ge­lehn­ter Be­wer­ber aus dis­kri­mi­nie­ren­den Gründen ab­ge­lehnt wur­de, ha­ben sol­che Kla­gen gu­te Er­folgs­aus­sich­ten.

AGG-Hop­per ma­chen dar­aus ein Geschäfts­mo­dell: Sie se­hen sys­te­ma­tisch Stel­len­an­zei­gen dar­auf­hin durch, ob sie dis­kri­mi­nie­ren­de For­mu­lie­run­gen ent­hal­ten, und wenn sie fündig ge­wor­den sind, be­wer­ben sie sich flugs in der Hoff­nung, ab­ge­lehnt zu wer­den. Denn dann gibt es Geld, nämlich ein bis drei Mo­nats­gehälter.

Die Ar­beits­ge­rich­te ha­ben auf die­sen Miss­brauch re­agiert und die Dok­trin ent­wi­ckelt, dass nicht ernst­ge­mein­te Be­wer­bun­gen treu­wid­rig sind. Im Er­geb­nis kann sich ein nicht ernst­haf­ter Be­wer­ber da­mit nicht auf § 6 Abs.1 Satz 2 AGG be­ru­fen. Die­se Vor­schrift stellt klar, dass als "Beschäftig­te" im Sin­ne des AGG "auch die Be­wer­be­rin­nen und Be­wer­ber für ein Beschäfti­gungs­verhält­nis" gel­ten. Und wer sich nur "be­wirbt", um ab­ge­lehnt zu wer­den und Geld kas­sie­ren zu können, ist eben letzt­lich kein "Be­wer­ber" im Sin­ne die­ser Vor­schrift.

Al­ler­dings ste­hen hin­ter den Vor­schrif­ten des AGG zwei EU-Richt­li­ni­en, nämlich die Richt­li­nie 2000/78/EG und die Richt­li­nie 2006/54/EG, und die­se bei­den Richt­li­ni­en spre­chen nicht von Be­wer­bern. Viel­mehr ist hier die Re­de von ei­nem dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en "Zu­gang zu un­selbständi­ger und selbständi­ger Er­werbstätig­keit" (Art.3 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2000/78/EG) und von dem für Männer und Frau­en glei­chen "Zu­gang zur Beschäfti­gung oder zu abhängi­ger oder selbständi­ger Er­werbstätig­keit" (Art.14 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2006/54/EG).

Es fragt sich da­her, ob die Recht­spre­chung der deut­schen Ar­beits­ge­rich­te, die Schein­be­wer­bern den Schutz durch das AGG ab­spricht, mit den o.g. bei­den Richt­li­ni­en ver­ein­bar ist. Die­se Fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im letz­ten Som­mer auf­ge­wor­fen und ei­ne ent­spre­chen­de An­fra­ge an den EuGH ge­rich­tet: BAG, Be­schluss vom 18.06.2015, 8 AZR 848/13 (A).

Vor ei­ni­gen Ta­gen hat der Ge­richts­hof die An­fra­ge be­ant­wor­tet.

Der Streitfall: Rechtsanwalt Nils Kratzer gegen R+V Versicherungen

Im Streit­fall hat­te der am 11.05.1973 ge­bo­re­ne Münch­ner An­walt Nils Krat­zer die R+V All­ge­mei­ne Ver­si­che­rung AG ver­klagt.

Herr Krat­zer, der seit 2002 über­wie­gend als selbständi­ger An­walt tätig war, hat­te sich viel­fach ver­geb­lich auf Stel­len­an­zei­gen be­wor­ben und als­dann auf Dis­kri­mi­nie­rungs­entschädi­gung ge­klagt, d.h. er war so­zu­sa­gen "spe­zia­li­siert" auf das Dis­kri­mi­nie­rungs­recht. Mit sei­nen Kla­gen hat­te er teil­wei­se Er­folg, so im Ja­nu­ar 2013 vor dem BAG (BAG, Ur­teil vom 24.01.2013, 8 AZR 429/11, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/017 Stel­len­aus­schrei­bung für "Hoch­schul­ab­sol­ven­ten / Young Pro­fes­sio­nals" dis­kri­mi­niert älte­re Be­wer­ber).

Im März 2009, d.h. im Al­ter von 35 Jah­ren, be­warb sich Herr Krat­zer wie­der ein­mal, dies­mal auf ei­ne von der R+V Ver­si­che­run­gen AG aus­ge­schrie­be­ne Stel­le als "Trainee". Die Aus­schrei­bung rich­te­te sich vor­zugs­wei­se an Hoch­schul­ab­sol­ven­ten oh­ne Be­rufs­er­fah­rung. Da­her soll­te der Ab­schluss nicht länger als ein Jahr zurück­lie­gen. Von ju­ris­ti­schen Be­wer­bern wur­den zusätz­li­che ar­beits­recht­li­che oder me­di­zi­ni­sche Kennt­nis­se er­war­tet.

In sei­ner Be­wer­bung ver­wies Herr Krat­zer un­ter an­de­rem dar­auf, dass er als frühe­rer lei­ten­der An­ge­stell­ter ei­ner Rechts­schutz­ver­si­che­rung über Führungs­er­fah­rung verfüge. Nach­dem er sei­ne schrift­li­che Ab­leh­nung in Händen hielt, ver­lang­te er 14.000,00 EUR Entschädi­gung. Dar­auf­hin ent­schul­dig­te sich die R+V für das au­to­ma­tisch ge­ne­rier­te Ab­leh­nungs­schrei­ben und lud ihn zum Vor­stel­lungs­gespräch ein. Herr Krat­zer lehn­te ab bzw. schlug vor, nach Be­glei­chung sei­ner Entschädi­gungs­for­de­rung (!) "sehr rasch über mei­ne Zu­kunft bei der Ver­si­che­rung zu spre­chen".

Nach­dem Herr Krat­zer Kla­ge er­ho­ben hat­te, er­fuhr er, dass al­le vier Trainee-Stel­len mit Frau­en be­setzt wor­den wa­ren. Da­her erhöhte er sei­ne Kla­ge­for­de­rung un­ter Hin­weis auf ei­ne an­geb­li­che ge­schlechts­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung um wei­te­re 3.500,00 EUR.

Das Ar­beits­ge­richt Wies­ba­den (Ur­teil vom 20.01.2011, 5 Ca 2491/09) und das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) wie­sen die Kla­ge ab (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 18.03.2013, 7 Sa 1257/12).

Der Fall lan­de­te beim BAG, das zu der An­sicht kam, dass sich Herr Krat­zer nicht ernst­haft bzw. nur des­halb be­wor­ben hat­te, um ei­ne Entschädi­gung zu er­lan­gen. Denn der Hin­weis auf sei­ne "Führungs­er­fah­rung" pass­te über­haupt nicht zu der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le als Trainee, so das BAG. Hin­zu kam die Ab­leh­nung ei­nes persönli­chen Gesprächs.

Vor die­sem Hin­ter­grund frag­te das BAG den EuGH, ob ei­ne er­kenn­bar nur dem Zweck des Geld­ma­chens die­nen­de (Schein-)Be­wer­bung un­ter den An­wen­dungs­be­reich bzw. den Schutz von Art.3 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2000/78/EG und von Art.14 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2006/54/EG fällt (BAG, Be­schluss vom 18.06.2015, 8 AZR 848/13 (A)). Falls ein sol­ches Ver­hal­ten - im Prin­zip - vom Schutz die­ser Vor­schrif­ten er­fasst sein soll­te, woll­te das BAG außer­dem wis­sen, ob es nach dem EU-Recht als rechts­miss­bräuch­lich be­wer­tet wer­den könn­te.

EuGH: Ein Bewerber, der sich nur mit dem Ziel einer Entschädigung bewirbt, kann sich nicht auf die Richtlinien 2000/78/EG und 2006/54/EG berufen und handelt missbräuchlich

Der EuGH bestätig­te die deut­sche Recht­spre­chung zur nicht ernst­ge­mein­ten Be­wer­bung. Bei ei­ner Per­son wie im Aus­gangs­ver­fah­ren sei

"of­fen­sicht­lich, dass sie die Stel­le, um die sie sich be­wirbt, gar nicht er­hal­ten will. Da­her kann sie sich nicht auf den durch die Richt­li­ni­en 2000/78 und 2006/54 gewähr­ten Schutz be­ru­fen" (Ur­teil, Rn.35)

Darüber hin­aus wäre ein der­ar­ti­ges Ver­hal­ten auch rechts­miss­bräuch­lich im Sin­ne des EU-Rechts. Ei­ne Be­wer­tung als Rechts­miss­brauch hängt aber, so der Ge­richts­hof, im Ein­zel­fall da­von ab, dass nicht nur das Ziel der miss­bräuch­lich in An­spruch ge­nom­me­nen Vor­schrift ver­fehlt wird, son­dern dass der miss­bräuch­lich Han­deln­de auch von der Ab­sicht ge­lei­tet wird, sich ei­nen un­ge­recht­fer­tig­ten Vor­teil zu ver­schaf­fen.

Der Ge­richts­hof macht da­mit die vom BAG ge­trof­fe­ne Un­ter­schei­dung zwi­schen

  • der vor­ran­gi­gen Fra­ge nach dem ob­jek­ti­ven Schutz­ge­halt der o.g. Richt­li­ni­en­ar­ti­kel und
  • der nach­ge­ord­ne­ten Fra­ge ei­ner mögli­cher­wei­se miss­bräuch­li­chen Be­ru­fung auf die­sen Schutz­ge­halt

nicht mit. Dem EuGH zu­fol­ge ist ein Ver­hal­ten wie hier im Streit­fall nicht vom Schutz­ge­halt der o.g. Richt­li­ni­en­ar­ti­kel ge­deckt und zu­dem rechts­miss­bräuch­lich.

Fa­zit: Das EuGH-Ur­teil stärkt den deut­schen Ar­beits­ge­rich­ten den Rücken in ih­rem Bemühen, bei Entschädi­gungs­kla­gen ge­nau zu über­prüfen, ob der Streit­fall durch ei­ne ernst­ge­mein­te oder durch ei­ne Schein­be­wer­bung ent­stan­den ist.

Auf­grund des EuGH-Ur­teil steht fest, dass AGG-Hop­per we­der durch Art.3 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2000/78/EG noch durch Art.14 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2006/54/EG geschützt sind.

Wer sich nicht ernst­haft be­wirbt, ist rich­ti­ger An­sicht nach von vorn­her­ein kein "Be­wer­ber" im Sin­ne von § 6 Abs.1 Satz 2 AGG. Je­den­falls aber han­delt er treu­wid­rig, so dass er sich letzt­lich nicht auf die­se Vor­schrift und den Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz nach dem AGG be­ru­fen kann.

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Letzte Überarbeitung: 23. November 2016

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