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Kün­di­gung und Dis­kri­mi­nie­rung

Kün­di­gung als Dis­kri­mi­nie­rung we­gen Be­hin­de­rung: Ar­beit­ge­ber müs­sen für dis­kri­mi­nie­ren­de Kün­di­gung Ent­schä­di­gung zah­len: Ar­beits­ge­richt Stutt­gart, Ur­teil vom 16.03.2011, 30 Ca 1772/10

05.12.2011. Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ver­bie­tet Dis­kri­mi­nie­run­gen im Ar­beits­le­ben, u.a. je­de Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­ner Be­hin­de­rung. Wer dis­kri­mi­niert wird, kann ei­ne Ent­schä­di­gung ver­lan­gen, so z.B., wenn man we­gen ei­ner Be­hin­de­rung nicht ein­ge­stellt wird.

Ob man aber auch ei­ne Ent­schä­di­gung be­an­spru­chen kann, wenn man we­gen ei­ner Be­hin­de­rung ei­ne Kün­di­gung er­hal­ten hat, ist um­strit­ten. Denn das AGG schreibt vor, dass für Kün­di­gun­gen "aus­schließ­lich die Be­stim­mun­gen zum all­ge­mei­nen und be­son­de­ren Kün­di­gungs­schutz" gel­ten sol­len (§ 2 Abs.4 AGG). In vie­len Kom­men­ta­ren wird da­her die Mei­nung ver­tre­ten, dass es für dis­kri­mi­nie­ren­de Kün­di­gung kei­ne Gel­dent­schä­di­gung nach dem AGG ge­ben kann. Das Ar­beits­ge­richt (ArbG) Stutt­gart hat vor kur­zem an­ders­her­um ent­schie­den (Ur­teil vom 16.03.2011, 30 Ca 1772/10).

Kündigung aufgrund einer Diskriminierung - ohne Geldentschädigung?

Wer auf­grund ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung nicht ein­ge­stellt wird, hat nach § 15 Abs.2 AGG ei­nen Entschädi­gungs­an­spruch. Noch stärker ist die Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung, wenn ein schon be­gründe­tes Ar­beits­verhält­nis aus dis­kri­mi­nie­ren­den Gründen gekündigt wird. Ei­ne sol­che Kündi­gung ist zwar un­wirk­sam, doch müss­te der Gekündig­te das per Kündi­gungs­schutz­kla­ge klären las­sen - was er aber viel­leicht nicht möch­te.

Da in sol­chen Fällen gemäß § 2 Abs.4 AGG die all­ge­mei­nen Kündi­gungs­schutz­vor­schrif­ten gel­ten sol­len, ist klar, dass die Un­wirk­sam­keit ei­ner dis­kri­mi­nie­ren­den Kündi­gung nicht mit dem AGG be­gründet wer­den kann (und auch nicht mit dem AGG be­gründet wer­den muss). Aber ist § 2 Abs.4 AGG ei­ne ge­ne­rel­le AGG-An­wen­dungs­sper­re für Kündi­gungsfälle, so dass es für dis­kri­mi­nie­ren­de Kündi­gun­gen kei­ne Gel­dentschädi­gung nach dem AGG ge­ben kann?

Nein, so hat­te be­reits das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Bre­men vor gut ei­nem Jahr ent­schie­den (Ur­teil vom 29.06.2010, 1 Sa 29/10 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/161 Gel­dentschädi­gung für dis­kri­mi­nie­ren­de Kündi­gung). Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat die Fra­ge bis­her of­fen ge­las­sen, zeig­te aber Sym­pa­thie für die­se Mei­nung (vgl. Ur­teil vom 22.10.2009, 8 AZR 642/08).

Arbeitsgericht Stuttgart: Bei diskriminierender Kündigung kann Entschädigung verlangt werden

Ein In­stal­la­teur, der chro­ni­sche Knie­pro­ble­me hat­te, wur­de von ei­nem Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men auf der Grund­la­ge ei­nes ausführ­li­chen Be­wer­ber­fra­gen­bo­gens an­ge­stellt. Der Fra­ge­bo­gen ent­hielt vie­le un­zulässi­ge Fra­gen zum Ge­sund­heits­zu­stand. Noch in der Pro­be­zeit stürz­te er und ver­letz­te sich am Knie. Dar­auf­hin er­hielt er die Kündi­gung.

Er er­hob kei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge, son­dern klag­te auf Entschädi­gung nach § 15 Abs.2 AGG, da er in der Kündi­gung ei­ne be­hin­de­rungs­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung sah. Das Ar­beits­ge­richt sah das auch so und ver­ur­teil­te den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung von 2.500 EUR, weil die­ser die für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung spre­chen­den In­di­zi­en nicht wi­der­le­gen konn­te (vgl. § 22 AGG).

Fa­zit: Spre­chen kon­kre­te In­di­zi­en dafür, dass ei­ne Kündi­gung auf ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung be­ruht, kann der Gekündig­te auch oh­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge ei­ne Entschädi­gung ein­kla­gen. Im Pro­zess muss der Ar­beit­ge­ber dar­le­gen, dass kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor­lag.

Da­bei kann es auf die ge­sam­te Vor­ge­schich­te der Kündi­gung an­kom­men. In der Pro­be­zei gekündig­te Ar­beit­neh­mer soll­ten da­her bei An­halts­punk­ten für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor­sorg­lich ih­re mögli­chen Entschädi­gungs­ansprüche in­ner­halb der ge­setz­li­chen Fris­ten gel­tend ma­chen (§ 15 Abs.4 AGG; § 61b Abs.1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz).

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Letzte Überarbeitung: 1. Juli 2016

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