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Dis­kri­mi­nie­rung we­gen Be­hin­de­rung bei der Be­wer­bung

Im öf­fent­li­chen Dienst müs­sen schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber prak­tisch im­mer zum Vor­stel­lungs­ge­spräch ge­la­den wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 16.02.2012, 8 AZR 697/10

21.02.2012. Öf­fent­li­che Ar­beit­ge­ber müs­sen schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber zu ei­nem Vor­stel­lungs­ge­spräch ein­la­den, falls sie nicht of­fen­sicht­lich fach­lich un­ge­eig­net sind. Un­ter­bleibt ein Vor­stel­lungs­ge­spräch, ist ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­ner Be­hin­de­rung zu ver­mu­ten. Dann muss der Ar­beit­ge­ber die­se Ver­mu­tung wi­der­le­gen. Ge­lingt das nicht, hat der Be­wer­ber ei­nen Ent­schä­di­gungs­an­spruch.

Ei­ne im Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um (BMI) gel­ten­de Per­so­nal­ver­ein­barug ("In­te­gra­ti­ons­ver­ein­ba­rung") sieht zwar vor, dass auch in ge­setz­lich nicht ge­nann­ten Fäl­len von ei­nem Vor­stel­lungs­ge­spräch ab­ge­se­hen wer­den kann. Vor ei­ni­gen Ta­gen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) aber ent­schie­den, dass die­se In­te­gra­ti­ons­ver­ein­ba­rung das ge­setz­li­che Recht auf ein Vor­stel­lungs­ge­spräch nicht be­schränkt.

Da­her muss ei­ne dem Mi­nis­te­ri­um un­ter­stell­te Po­li­zei­be­hör­de ei­nem nicht ein­ge­la­de­nen Be­wer­ber ei­ne Ent­schä­di­gung zah­len: Sie hat­te sich auf die In­te­gra­ti­ons­ver­ein­ba­rung ver­las­sen, an­statt das Ge­setz an­zu­wen­den: BAG, Ur­teil vom 16.02.2012, 8 AZR 697/10.

Wann ist eine Diskriminierung "wegen einer Behinderung" bei der Stellenbesetzung zu vermuten?

Ar­beit­ge­ber sind ver­pflich­tet, ge­mein­sam mit der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung und dem Be­triebs­rat oder Per­so­nal­rat ei­ne ver­bind­li­che In­te­gra­ti­ons­ver­ein­ba­rung zu tref­fen, vgl. § 83 Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX). Ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung soll kon­kre­te Re­ge­lun­gen zur Ein­glie­de­rung schwer­be­hin­der­ter Men­schen ent­hal­ten, ins­be­son­de­re beim The­ma Per­so­nal­pla­nung.

Öffent­li­che Ar­beit­ge­ber sind darüber hin­aus nach § 82 Satz 2 und Satz 3 SGB IX bei Stel­len­aus­schrei­bun­gen ver­pflich­tet, schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den. Das gilt nur dann nicht, wenn ei­nem Be­wer­ber die fach­li­che Eig­nung „of­fen­sicht­lich fehlt“.

Ein Ver­s­toß ge­gen die Pflicht zum Vor­stel­lungs­gespräch ist ein In­diz im Sin­ne von 22 All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) dafür, dass der nicht ein­ge­la­de­ne Be­wer­ber dis­kri­mi­niert wur­de. Dann be­steht ein Entschädi­gungs­an­spruch gemäß § 15 Abs.2 AGG, der meist ein bis drei Mo­nats­gehälter beträgt. Zwar kann der Ar­beit­ge­ber be­wei­sen, dass er in Wahr­heit kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung verübt hat, doch ist das schwer - je­den­falls dann, wenn ein öffent­li­cher Ar­beit­ge­ber ei­nen schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber nicht zum Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den hat.

Unterlassenes Vorstellungsgespräch bei der Polizei wegen Integrationsvereinbarung: Diskriminierung ist zu vermuten

Das BMI wen­det für sei­ne Behörden ei­ne In­te­gra­ti­ons­ver­ein­ba­rung an, der zu­fol­ge ei­ne Ein­la­dung schwer­be­hin­der­ter Be­wer­ber zum Vor­stel­lungs­gespräch un­ter­blei­ben kann, wenn Zen­tral­ab­tei­lung, Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung und Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ter ei­nig sind, dass der Be­wer­ber für den frei­en Ar­beits­platz nicht in Be­tracht kommt.

Ei­ne Po­li­zei­di­rek­ti­on lud auf die­ser Grund­la­ge ei­nen schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch für ei­ne Pfört­ner­stel­le ein, ob­wohl er ein­schlägi­ge Be­rufs­er­fah­rung hat­te. Das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt sprach dem Be­wer­ber da­her 2.700 EUR Entschädi­gung zu und warf dem BMI vor, mit der In­te­gra­ti­ons­ver­ein­ba­rung ge­set­zes­wid­rig die Rech­te schwer­be­hin­der­ter Men­schen zu be­schränken (Ur­teil vom 05.10.2010, 13 Sa 488/10).

Das BAG bestätig­te das Ur­teil im Er­geb­nis, wähl­te aber ei­ne we­ni­ger schar­fe Be­gründung: Nach sei­ner Le­se­art der In­te­gra­ti­ons­ver­ein­ba­rung soll die­se den ge­setz­li­chen An­spruch auf ein Vor­stel­lungs­gespräch gar nicht be­schränken. An­de­rer­seits war es der Po­li­zei­di­rek­ti­on nicht ge­lun­gen, die durch die un­ter­las­se­ne Ein­la­dung aus­gelöste Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­mu­tung zu ent­kräften. Da­her muss­te sie ei­ne Entschädi­gung zah­len.

Fa­zit: „Of­fen­sicht­lich“ un­ge­eig­net sind nur die we­nigs­ten schwer­be­hin­der­ten Stel­len­be­wer­ber, v.a. bei ein­fa­chen Tätig­kei­ten. Das gilt auch für Behörden des BMI. Wer als schwer­be­hin­der­ter Be­wer­ber noch nicht ein­mal zu ei­nem Gespräch ein­ge­la­den wird, soll­te da­her ei­ne Entschädi­gung ver­lan­gen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 14. August 2016

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