Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Ur­laub nach un­wirk­sa­mer Kün­di­gung

Kein dop­pel­ter Ur­laub nach un­wirk­sa­mer Kün­di­gung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.02.2012, 9 AZR 487/10

22.02.2012. Das Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes (BUrlG) si­chert al­len Ar­beit­neh­mern ei­nen Ur­laub von min­des­tens vier Wo­chen pro Jahr. Die­ser An­spruch be­steht aber ge­mäß § 6 Abs.1 BUrlG im Fal­le ei­nes Ar­beit­ge­ber­wech­sels nicht, wenn der Ur­laub schon vom vor­he­ri­gen Ar­beit­ge­ber ge­währt wur­de. Da­mit soll ver­hin­dert wer­den, dass ein Job­wech­sel zur Ver­dop­pe­lung des Ur­laubs­an­spruchs führt.

Im Ge­setz nicht ge­re­gelt ist der Fall, dass zwei Ar­beits­ver­hält­nis­se gleich­zei­tig ne­ben­ein­an­der be­ste­hen. Die­se et­was selt­sa­me Rechts­la­ge kann sich als Ef­fekt ei­ner un­wirk­sa­men Kün­di­gung er­ge­ben, wenn die Un­wirk­sam­keit der Kün­di­gung auf­grund ei­ner er­folg­rei­chen Kün­di­gungs­schutz­kla­ge fest­steht.

Ges­tern hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass der vom neu­en Ar­beit­ge­ber ge­währ­te Ur­laub auf den Ur­laubs(ab­gel­tungs)an­spruch an­zu­rech­nen ist, den der Ar­beit­neh­mer ge­gen­über sei­nem al­ten Ar­beit­ge­ber hat: BAG, Ur­teil vom 21.02.2012, 9 AZR 487/10.

Urlaub nach Kündigung - was tun?

Vie­le Ar­beit­ge­ber er­tei­len zu­sam­men mit ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung Ur­laub bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­fris­ten, um sich die Ab­gel­tung des Ur­laubs zu spa­ren.

Möglich ist darüber hin­aus, den Ur­laub für die Zeit nach der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vor­sorg­lich für den Fall zu er­tei­len, dass die Kündi­gung un­wirk­sam sein soll­te. Denn wenn der Ar­beit­neh­mer ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­hebt und ge­winnt, muss der Ar­beit­ge­ber zwar den zu Un­recht nicht ge­zahl­ten Lohn (den "An­nah­me­ver­zugs­lohn") zah­len, spart dann aber im­mer­hin die Ur­laubs­ab­gel­tung als wei­te­re fi­nan­zi­el­le Be­las­tung.

Gekündig­te Ar­beit­neh­mer wie­der­um tun bis zur endgülti­gen Ei­ni­gung in ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge gut dar­an, ge­gen En­de des Ka­len­der­jah­res Ur­laub zu be­an­tra­gen, da ihr Jah­res­ur­laub mit dem En­de des Ka­len­der­jah­res er­satz­los un­ter­geht. Hat der Ar­beit­neh­mer den Ur­laub aber recht­zei­tig vor Jah­res­en­de ver­langt und re­agiert der Ar­beit­ge­ber nicht, geht der Ur­laub zwar an sich recht­lich un­ter, be­steht aber im Er­geb­nis doch fort, nämlich als Scha­dens­er­satz­an­spruch.

Un­klar ist, was mit dem Ur­laubs­an­spruch pas­siert, wenn der gekündig­te Ar­beit­neh­mer

  • sich während der Kündi­gungs­schutz­kla­ge ei­nen neu­en Job sucht, und
  • dort, al­so vom neu­en Ar­beit­ge­ber, Ur­laub be­kommt, und
  • die Kündi­gung sich in­fol­ge des Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens später als un­wirk­sam her­aus­stellt.

Zwar se­hen § 11 Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) und § 615 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) vor, dass der von ei­nem neu­en Ar­beit­ge­ber ge­zahl­te Lohn vom An­nah­me­ver­zugs­lohn ab­ge­zo­gen wird, den der al­te Ar­beit­ge­ber für die Zeit nach sei­ner un­wirk­sa­men Kündi­gung be­zah­len muss, aber die­se Vor­schrif­ten gel­ten nicht für den Ur­laub, son­dern eben für den Lohn.

Der Fall des BAG: Unwirksam gekündigte Arbeitnehmerin klagt gegen die Kündigung, findet einen neuen Job und erhält dort Urlaub

Nach­dem ein Ar­beit­ge­ber im Ja­nu­ar 2007 or­dent­lich gekündigt hat­te und die gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin nach lan­gem Rechts­streit im Jah­re 2008 ein neu­en Job an­ge­tre­ten hat­te, kam es zum Fol­ge­streit über den Ur­laub für 2008.

Denn die Kündi­gung vom Ja­nu­ar 2007 hat­te sich vor Ge­richt als un­wirk­sam er­wie­sen, und da­her ver­lang­te die Ar­beit­neh­me­rin von ih­rem al­ten Ar­beit­ge­ber Ur­laub vom 14.11.2008 bis zum 30.12.2008, d.h. für 29 Ta­ge gemäß ih­rem Ar­beits­ver­trag.

Statt des Ur­laubs er­hielt die Ar­beit­neh­me­rin ei­ne wei­te­re Kündi­gung zum En­de Ja­nu­ar 2009, ge­gen die sie sich nicht mehr wehr­te. Viel­mehr woll­te sie ge­richt­lich fest­ge­stellt se­hen, dass ihr 29 Ta­ge Ur­laub für 2008 zustünden, und zwar als "Er­satz­ur­laubs­an­spruch", da ihr ja der be­an­trag­te Ur­laub nicht gewährt wor­den war. Der ver­klag­te Alt-Ar­beit­ge­ber be­rief sich dar­auf, dass sein Nach­fol­ger für 2008 ja schon 21 Ta­ge Ur­laub gewährt hat­te.

Das half dem Ar­beit­ge­ber aber vor dem Ar­beits­ge­richt Leip­zig nichts (Ur­teil vom 11.06.2009, 8 Ca 5517/08) und auch nicht vor dem Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (Ur­teil vom 26.01.2010, 7 Sa 442/09). Bei­de Ge­rich­te ur­teil­ten pro Ar­beit­neh­me­rin. Da­bei be­rie­fen sie sich auf die bis­he­ri­ge BAG-Recht­spre­chung, der zu­fol­ge der vom neu­en Ar­beit­ge­ber gewähr­te Ur­laub den Ur­laubs­an­spruch nicht min­dert, der dem Ar­beit­neh­mer ge­genüber sei­nem Alt-Ar­beit­ge­ber zu­steht (BAG, Ur­teil vom 28.02.1991, 8 AZR 196/90).

BAG: Der vom neuen Arbeitgeber erteilte Urlaub wird angerechnet

An­ders jetzt aber das BAG: Es gab der Re­vi­si­on des Ar­beit­ge­bers statt und ent­schied, dass der Kläge­rin nur nur acht Ur­laubs­ta­ge zustünden. An­ders als in sei­nem Ur­teil aus dem Jahr 1991 meint das BAG jetzt, dass die Ur­laubs­ansprüche in sinn­gemäßer ("ana­lo­ger") An­wen­dung von § 11 Nr.1 KSchG, § 615 Satz 2 BGB gekürzt wer­den müss­ten.

Zur Be­gründung be­ruft sich das BAG in sei­ner der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung dar­auf, dass der Ar­beit­neh­mer durch ei­ne er­folg­rei­che Kündi­gungs­schutz­kla­ge "grundsätz­lich so zu stel­len ist, als hätte kei­ne tatsächli­che Un­ter­bre­chung des Ar­beits­verhält­nis­ses statt­ge­fun­den." An­schei­nend möch­te das BAG ei­ne un­ge­recht­fer­tig­te Bes­ser­stel­lung des Ar­beit­neh­mers im Ver­gleich da­zu ver­mei­den, dass es erst gar nicht zur Kündi­gung ge­kom­men wäre (denn dann hätte der Ar­beit­neh­mer ja auch kei­nen "dop­pel­ten Ur­laub" er­hal­ten).

Fa­zit: Das Ur­teil ver­rin­gert im Fal­le ei­ner Kündi­gung mit nach­fol­gen­der er­folg­rei­cher Kündi­gungs­schutz­kla­ge das fi­nan­zi­el­le Ri­si­ko des Ar­beit­ge­bers, mit Ur­laubs­ansprüchen für die Zeit be­las­tet zu wer­den, in der der Ar­beit­neh­mer schon bei ei­nem neu­en Ar­beit­ge­ber ar­bei­tet und Ur­laub erhält.

Ei­ne über­zeu­gen­de Be­gründung für die­se Recht­spre­chungsände­rung enthält die Pres­se­mel­dung nicht. Ab­ge­se­hen von ju­ris­ti­schen Be­gründungs­fra­gen bringt die vom BAG ge­zo­ge­ne Par­al­le­le zu § 615 BGB und § 11 KSchG auch Fol­ge­pro­ble­me mit sich. So fragt sich z.B., ob - wie bei §§ 615 BGB, 11 KSchG - auch „böswil­lig“ nicht ge­nom­me­ner Ur­laub an­ge­rech­net wer­den kann.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 13. September 2016

Bewertung: Ur­laub nach un­wirk­sa­mer Kün­di­gung 5.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2017:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880