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Ab­schied von der Gleich­stel­lungs­ab­re­de – Teil II

Ar­beits­ver­trag­li­che Ver­wei­se auf die "je­weils gel­ten­den" Ta­rif­ver­trä­ge ha­ben auch nach ei­nem Be­triebs­über­gang Be­stand: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 29.08.2007, 4 AZR 765/06 Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 29.08.2007, 4 AZR 767/06

25.09.2007. Ent­hält der vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­ar­bei­te­te For­mu­lar­ar­beits­ver­trag ei­nen Ver­weis auf die "je­weils gel­ten­den" Ta­rif­ver­trä­ge ei­ner be­stimm­ten Bran­che, führt das nach der ak­tu­el­len Recht­spre­chung des BAG (vier­ter Se­nat) zur "in­di­vi­du­al­ver­trag­li­chen Gel­tung der in be­zug ge­nom­me­nen Ta­rif­nor­men".

Das heißt, dass die in Be­zug ge­nom­me­nen Ta­rif­ver­trä­ge samt ih­rer Dy­na­mik, d.h. mit­samt al­len künf­ti­gen Än­de­run­gen, zum Be­stand­teil des Ar­beits­ver­trags wer­den.

Kommt es dann zum Be­triebs­über­gang und gilt beim Über­neh­mer ein an­de­rer (schlech­te­rer) Ta­rif­ver­trag, be­hal­ten die über­ge­gan­ge­nen Ar­beit­neh­mer da­her "ih­ren" Ta­rif­ver­trag, und zwar zu­min­dest in der Fas­sung des Ta­rif­ver­trags zum Zeit­punkt des Be­triebs­über­gangs: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 29.08.2007, 4 AZR 765/06 und Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 29.08.2007, 4 AZR 767/06.

Behalten Arbeitnehmer "ihren" vertraglich vereinbarten Tarifvertrag auch dann nach Betriebsübergang, wenn der Erwerber an einen allgemeinverbindlichen Tarif gebunden ist

In Ar­beits­verträgen wird oft auf Ta­rif­verträge ver­wie­sen, d.h. die Verträge ent­hal­ten ei­ne Klau­sel, wo­nach ein be­stimm­ter Ta­rif­ver­trag oder ein gan­zes Ta­rif­werk (z.B. „die Ta­rif­verträge für den öffent­li­chen Dienst“) auf das Ar­beits­verhält­nis an­wend­bar sein sol­len.

Auf­grund sol­cher Klau­seln ha­ben auch Nicht-Ge­werk­schafts­mit­glie­der An­spruch auf ta­rif­li­che Leis­tun­gen - je­den­falls im Prin­zip. Strei­tig ist nämlich, was aus sol­chen Ver­trags­klau­seln folgt, wenn die Ta­rif­bin­dung des Ar­beit­ge­bers später wegfällt, was z.B. bei ei­nem Be­triebs- oder Be­triebs­teilüber­gang oder bei ei­nem Aus­tritt des Ar­beit­ge­bers aus dem Ar­beit­ge­ber­ver­band pas­sie­ren kann.

Hier hat­te der vier­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) lan­ge Jah­re die An­sicht ver­tre­ten, Be­zug­nah­men die­ser Art sei­en im All­ge­mei­nen als bloße „Gleich­stel­lungs­ab­re­den“ zu ver­ste­hen.

Das heißt: Ver­trag­li­che Ver­wei­se auf Ta­rif­verträge sol­len dem Ar­beit­neh­mer an­geb­lich kein un­be­ding­tes ver­trag­li­ches An­recht auf ta­rif­li­che Leis­tun­gen ver­schaf­fen, son­dern nur ver­hin­dern, dass sich Nicht-Ge­werk­schafts­mit­glie­der (sog. „Außen­sei­ter“) schlech­ter ste­hen als Ge­werk­schafts­mit­glie­der. Und da de­ren aus Ta­rif­bin­dung bzw. aus § 4 Abs.1 TVG fol­gen­des Recht auf An­wen­dung neu ab­ge­schlos­se­ner Ta­rif­verträge aber nach dem Ver­bands­aus­tritt des Ar­beit­ge­bers entfällt, sol­len auch die an­de­ren, nicht or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer kein sol­ches Recht ha­ben.

Die­se An­sicht hat der vier­te Se­nat des BAG mitt­ler­wei­le über Bord ge­wor­fen. Wie wir be­reits vor ei­ni­gen Mo­na­ten be­rich­te­ten (Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/10 Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­ab­schie­det „Gleich­stel­lungs­ab­re­de“), in­ter­pre­tiert nämlich ein Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 18.04.2007 (4 AZR 652/05) die ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­me auf den „ein­schlägi­gen Ta­rif­ver­trag in der je­weils gel­ten­den Fas­sung“ nicht mehr wie bis­her als „Gleich­stel­lungs­ab­re­de“, son­dern als an­spruchs­be­gründen­de Ver­trags­ab­spra­che. Da­her ste­hen dem Ar­beit­neh­mer auch nach Weg­fall der Ta­rif­bin­dung des Ar­beit­ge­bers ta­rif­li­che Ar­beits­be­din­gun­gen wei­ter zu.

Die­se Recht­spre­chung hat der vier­te Se­nat des BAG jetzt mit zwei Ur­tei­len vom 29.08.2007 bestätigt und aus­ge­baut (BAG, Ur­teil vom 29.08.2007, 4 AZR 765/06 und BAG, Ur­teil vom 29.08.2007, 4 AZR 767/06).

Die Streitfälle: Betriebserwerber ist an allgemeinverbindliche Tarifverträge gebunden

Das BAG hat­te über zwei Re­vi­sio­nen zu ent­schei­den, die bei­de die Über­lei­tung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses von ei­nem Kran­ken­haus­be­trieb auf ein Rei­ni­gungs­un­ter­neh­men im We­ge des Be­triebs­teilüber­gangs be­tra­fen.

Ein Fall war in der Vor­in­stanz vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin ent­schie­den wor­den. Die­ses hat­te dem Ar­beit­neh­mer recht ge­ge­ben, so dass die Re­vi­si­on vom Ar­beit­ge­ber geführt wur­de (LAG Ber­lin, Ur­teil vom 16.05.2006, 7 Sa 2263/05). Der Par­al­lel­fall war vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf ent­schie­den wor­den. Hier hat­te der Ar­beit­ge­ber ob­siegt, so dass die Re­vi­si­on vom Ar­beit­neh­mer ein­ge­legt wor­den war (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 20.06.2006, 15 (4) Sa 62/06).

In dem Ber­li­ner Fall ging es um ei­nen ge­werk­schaft­lich nicht or­ga­ni­sier­ten Mit­ar­bei­ter ei­nes Ber­li­ner Kran­ken­hau­ses, des­sen Träger Mit­glied des kom­mu­na­len Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des war. Das Ar­beits­verhält­nis die­ses Mit­ar­bei­ters war im We­ge ei­nes Out­sour­cings der Rei­ni­gungs­ar­bei­ten bzw. auf­grund Be­triebs­teilüber­gangs gemäß § 613a BGB auf ein Gebäuderei­ni­gungs­un­ter­neh­men über­ge­gan­gen.

Das Rei­ni­gungs­un­ter­neh­men wand­te dar­auf­hin die all­ge­mein­ver­bind­li­chen Ta­rif­be­stim­mun­gen des Gebäuderei­ni­ger-Hand­werks auf den Ar­beit­neh­mer an. Die­ser be­an­spruch­te al­ler­dings die An­wen­dung der für ihn güns­ti­ge­ren Re­ge­lun­gen des Bun­des­man­tel­ta­rif­ver­tra­ges für Ar­bei­ter ge­meind­li­cher Ver­wal­tun­gen und Be­trie­be (BMTG-II) ein­sch­ließlich der Lohn­ta­rif­verträge.

Da­bei ver­wies er auf sei­nen Ar­beits­ver­trag bzw. ei­ne dort ent­hal­te­ne Klau­sel, der zu­fol­ge die­se Ta­rif­verträge auf das Ar­beits­verhält­nis an­zu­wen­den sein soll­ten, und zwar „in der je­weils gel­ten­den Fas­sung“.

Der vom LAG Düssel­dorf ent­schie­de­ne Par­al­lel­fall un­ter­schied sich von dem Ber­li­ner Fall in der Hin­sicht, dass der dort kla­gen­de Ar­beit­neh­mer be­reits vor der Über­lei­tung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses vom Kran­ken­haus­träger auf das Rei­ni­gungs­un­ter­neh­men Mit­glied der Ge­werk­schaft ver.di war.

Auch in sei­nem Fall wand­te das Rei­ni­gungs­un­ter­neh­men als neu­er Ar­beit­ge­ber die all­ge­mein­ver­bind­li­chen Ta­rif­verträge des Gebäuderei­ni­ger-Hand­werks an, während der Ar­beit­neh­mer auf sei­nen Ver­trag bzw. auf die dort ent­hal­te­ne Ta­rif­be­zug­nah­me-Klau­sel poch­te.

BAG: Arbeitnehmer behalten "ihren" vertraglich vereinbarten Tarifvertrag auch dann nach Betriebsübergang, wenn der Erwerber an einen allgemeinverbindlichen Tarif gebunden ist

Das BAG ent­schied in bei­den Fällen zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers, d.h. es bestätig­te das Ur­teil des LAG Ber­lin und hob die Ent­schei­dung des LAG Düssel­dorf auf. In der Pres­se­mit­tei­lung des BAG vom 29.08.2007 heißt es zur Be­gründung:

Nimmt ein Ar­beits­ver­trag in dy­na­mi­scher Wei­se auf die Ta­rif­verträge ei­ner be­stimm­ten Bran­che Be­zug, d.h. ist die Gel­tung be­stimm­ter Ta­rif­verträge „in ih­rer je­weils gel­ten­den Fas­sung“ ver­trag­lich ver­ein­bart, so be­gründet dies nach An­sicht des BAG „die in­di­vi­du­al­ver­trag­li­che Gel­tung der in be­zug ge­nom­me­nen Ta­rif­nor­men“. Dies soll nicht nur dann gel­ten, wenn der Ar­beit­neh­mer - wie im Ber­li­ner Fall - nicht ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­siert ist, son­dern so­gar dann, wenn Ar­beit­neh­mer so­wie al­ter und neu­er Ar­beit­ge­ber ta­rif­ge­bun­den sind (BAG, Ur­teil vom 29.08.2007, 4 AZR 765/06).

Für ei­ne sol­che Kon­stel­la­ti­on schreibt § 613a Abs.1 Satz 2 BGB vor, dass die bis­her kraft Ta­rif­wir­kung (§ 4 Abs.1 TVG) gel­ten­den Ta­rif­verträge, an die der al­te Ar­beit­ge­ber ge­bun­den ist, Be­stand­teil des Ar­beits­ver­trags wer­den; ist al­ler­dings der neue Ar­beit­ge­ber an­der­wei­tig ta­rif­ge­bun­den, gel­ten die für ihn maßgeb­li­chen Ta­rif­verträge (§ 613a Abs.1 Satz 3 BGB).

Da das BAG dem Ar­beit­neh­mer auch in dem Düssel­dor­fer Fall recht gab, ist es of­fen­bar der Mei­nung, dass die rechts­be­gründen­de („kon­sti­tu­ti­ve“) Wir­kung ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me auf Ta­rif­verträge auch zu­guns­ten von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern ein­greift, so dass die­se aus zwei von­ein­an­der un­abhängi­gen Gründen die An­wen­dung des Ta­rifs ver­lan­gen können: Zum ei­nen aus § 4 Abs.1 TVG, zum an­de­ren aus dem Ar­beits­ver­trag, wo­bei nur der ers­te Gel­tungs­grund, nicht aber der zwei­te bei ei­nem Be­triebsüber­gang § 613a Abs.1 Satz 3 BGB zum Op­fer fällt (BAG, Ur­teil vom 29.08.2007, 4 AZR 767/06).

Frag­lich ist dann aber, war­um die in den Ver­trag ein­be­zo­ge­nen Ta­rif­verträge trotz der Dy­na­mik der ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me („in der je­weils gel­ten­den Fas­sung“) nur mit dem je­wei­li­gen („sta­ti­schen“) In­halt zum Zeit­punkt der Ver­tragsüber­lei­tung vom neu­en Ar­beit­ge­ber zu be­ach­ten sein soll­ten.

Ei­ne sol­che Be­schränkung lässt sich gut mit der über­kom­me­nen „Gleich­stel­lungs­dok­trin“ recht­fer­ti­gen: Da die kraft Ta­rif­wir­kung gel­ten­den Ta­rif­verträge im Fal­le ei­nes Be­triebs­teilüber­gangs mit Bran­chen­wech­sel mit ih­ren zum Zeit­punkt des Ar­beit­ge­ber­wech­sels be­ste­hen­den In­halt ge­setz­lich „ein­ge­fro­ren“ und zum In­halt des Ar­beits­ver­trags ge­macht wer­den (§ 613a Abs.1 Satz 2 BGB), soll die­se für Ge­werk­schafts­mit­glie­der gel­ten­de Rechts­fol­ge auch für die Außen­sei­ter gel­ten. Da al­ler­dings die Gleich­stel­lungs­dok­trin tot ist, liegt es näher, die­se Be­gren­zung der Wei­ter­gel­tung von Ta­ri­verträgen mit der ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit des über­neh­men­den Ar­beit­ge­bers zu be­gründen.

Nach der neu­en Be­trach­tungs­wei­se des BAG ha­ben aber auch die Ge­werk­schafts­mit­glie­der ei­nen „in­di­vi­du­al­ver­trag­li­chen“ An­spruch auf wei­te­re An­wen­dung des Ta­rifs. Hier deu­tet das BAG ei­ne wei­te­re Ände­rung sei­ner Recht­spre­chung zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers an, in­dem es fest­stellt, dass bei ei­nem Teil­be­triebsüber­gang mit Bran­chen­wech­sel die in be­zug ge­nom­me­nen Ta­rif­nor­men im über­ge­gan­ge­nen Ar­beits­verhält­nis „zu­min­dest (!) sta­tisch“ wei­ter gälten.

Die bei­den Ur­tei­le vom 29.08.2007 sind schließlich auch des­halb in­ter­es­sant, weil das BAG aus­drück­lich in Kauf nimmt, dass ver­schie­de­ne Ta­rif­verträge in dem­sel­ben Be­trieb zur An­wen­dung kom­men können. Dies be­ru­he auf de­ren un­ter­schied­li­chen Gel­tungs­gründen und sei in § 613a BGB „an­ge­legt“.

Fa­zit: Nicht nur die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung zur „Gleich­stel­lungs­ab­re­de“, son­dern auch die ver­brei­te­te Leh­re von der „Ta­rif­ein­heit“ hat durch die Ur­tei­le vom 29.08.2007 ei­nen kräfti­gen Dämp­fer er­hal­ten.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 21. Juni 2015

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