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In­ter­es­sen­aus­gleich und So­zi­al­plan: Leih­ar­beit­neh­mer zäh­len mit

Zu In­ter­es­sen­aus­gleichs­ver­hand­lun­gen und zu ei­nem So­zi­al­plan sind Ar­beit­ge­ber ab 21 wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern ver­pflich­tet - hier zäh­len Leih­ar­beit­neh­mer mit: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 18.10.2011, 1 AZR 335/10

20.10.2011. Un­ter­neh­men mit in der Re­gel mehr als zwan­zig wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern müs­sen ge­mäß § 111 Satz 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) ih­ren Be­triebs­rat über ge­plan­te Be­trieb­s­än­de­run­gen recht­zei­tig und um­fas­send un­ter­rich­ten und die ge­plan­ten Än­de­run­gen mit ihm be­ra­ten.

Be­trieb­s­än­de­run­gen sind z.B. Mas­sen­ent­las­sun­gen, Be­triebs­ver­la­ge­run­gen oder Be­triebs­schlie­ßun­gen.

Plant der Ar­beit­ge­ber sol­che gra­vie­ren­den Än­de­run­gen, muss er mit dem Be­triebs­rat über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich ver­han­deln. Der ist zwar nicht er­zwing­bar, da­für aber ein So­zi­al­plan, der die wirt­schaft­li­chen Fol­gen für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer mil­dert.

Frag­lich ist, ob auch Leih­ar­beit­neh­mer als "wahl­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer" im Sin­ne von § 111 Satz 1 Be­trVG mit­zäh­len oder nicht. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat die­se Fra­ge vor­ges­tern mit "Ja" be­ant­wor­tet. Un­ter­neh­men, die un­ter Ein­be­zie­hung von Leih­ar­beit­neh­mern mehr als 20 Ar­beit­neh­mer be­schäf­ti­gen, sind so­zi­al­plan­pflich­tig: BAG, Ur­teil vom 18.10.2011, 1 AZR 335/10.

Interessenausgleich und Sozialplan erst ab 21 wahlberechtigten Arbeitnehmern - zählen Leiharbeitnehmer mit?

Ar­beit­neh­mer, die von ei­ner Be­triebsände­rung be­trof­fen sind, ver­lie­ren oft ih­ren Job, weil die meis­ten Be­triebsände­run­gen in ei­ner (teil­wei­sen) Be­triebs­sch­ließung oder in ei­ner Mas­sen­ent­las­sung be­ste­hen. Dann wäre die Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung zu er­war­ten, doch gibt es kei­nen all­ge­mei­nen An­spruch auf ei­ne Ab­fin­dung be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen.

Hier nutzt dem Ar­beit­ge­ber recht­lich so­gar ei­ne möglichst har­te Per­so­nal­re­du­zie­rung: Wer den gan­zen Be­trieb dicht macht oder z.B. sämt­li­chen Pro­duk­ti­ons­mit­ar­bei­tern kündigt, kann si­cher sein, dass die des­halb aus­ge­spro­che­nen be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen rechtmäßig sind. Und wer dann ge­gen sei­ne Kündi­gung klagt, hat schlech­te Pro­zess­chan­cen und dem­ent­spre­chend schlech­te Kar­ten beim Ab­fin­dungs­po­ker.

Bes­ser ste­hen sich Ar­beit­neh­mer in sol­chen Fällen, wenn es ei­nen Be­triebs­rat gibt und wenn das Un­ter­neh­men so­zi­al­plan­pflich­tig ist, d.h. den Schwel­len­wert von 21 "wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern" er­reicht. Dann kann der Be­triebs­rat ei­nen So­zi­al­plan er­zwin­gen und die ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mer ha­ben ei­nen im So­zi­al­plan fest­ge­schrie­be­nen An­spruch auf ei­ne Ab­fin­dung.

Der Schwel­len­wert von 21 Ar­beit­neh­mern ist da­her bei Mas­sen­ent­las­sun­gen von großer fi­nan­zi­el­ler Be­deu­tung, für Ar­beit­ge­ber wie für Ar­beit­neh­mer.

Bis­lang gab es aber kei­ne Vor­ga­be des BAG zu der Fra­ge, ob Leih­ar­beit­neh­mer bei der Er­mitt­lung der Zahl der "wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer" mitzählen oder nicht. Die­se Lücke in sei­ner Recht­spre­chung hat das BAG vor­ges­tern ge­schlos­sen (BAG, Ur­teil vom 18.10.2011, 1 AZR 335/10).

Der Streitfall: Arbeitnehmer eines Betriebs mit elf Stammkräften wird wegen Betriebsschließung entlassen und klagt Nachteilsausgleich ein

Ein Un­ter­neh­men, das Bo­den­beläge ver­kauf­te und ver­leg­te, beschäftig­te re­gelmäßig 20 ei­ge­ne Ar­beit­neh­mer und außer­dem - von No­vem­ber 2008 bis Sep­tem­ber 2009 - ei­ne Leih­ar­beit­neh­me­rin. Im Mai 2009 kündig­te das Un­ter­neh­men al­len elf ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mern, Ver­hand­lun­gen mit dem Be­triebs­rat über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich lehn­te es ab. Auch ein So­zi­al­plan wur­de nicht ver­ein­bart.

Ei­ner der ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mer ver­lang­te un­ter Be­ru­fung auf § 113 Be­trVG ei­nen Nach­teils­aus­gleich. Den können Ar­beit­neh­mer ver­lan­gen, wenn ihr Ar­beit­ge­ber sie entlässt, da­bei aber ge­gen sei­ne Pflicht zu In­ter­es­sen­aus­gleichs­ver­hand­lun­gen ver­s­toßen hat.

Das Ar­beits­ge­richt Ha­gen hielt die Kündi­gung zwar für rech­tens, sprach dem Ar­beit­neh­mer aber ei­nen Nach­teils­aus­gleich von 8.424,00 EUR zu (Ur­teil vom 06.10.2009, 1 Ca 1545/09). Da­ge­gen wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm die Kla­ge ins­ge­samt ab, da die Leih­ar­bei­te­rin nach sei­ner An­sicht nicht zu den "wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern" zählt.

BAG: Leiharbeitnehmer gehören zu den wahlberechtigten Arbeitnehmern im Sinne von § 111 Satz 1 BetrVG

Tut sie doch, so jetzt das BAG, so dass dem Ar­beit­neh­mer ei­ne Ab­fin­dung als Nach­teils­aus­gleich we­gen der un­ter­blie­be­nen Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats zu­steht.

Fa­zit: Auch Leih­ar­beit­neh­mer gehören zu den "wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer" im Sin­ne von § 111 Satz 1 Be­trVG. Das ent­spricht der heu­te vor­herr­schen­den An­sicht in der ar­beits­recht­li­chen Li­te­ra­tur und ist in­ter­es­sen­ge­recht, da der Ein­satz von Leih­ar­beit we­sent­li­cher Teil ei­ner ge­plan­ten Be­triebsände­rung sein kann. Außer­dem sind Leih­ar­beit­neh­mer im ent­lei­hen­den Be­trieb oh­ne­hin wahl­be­rech­tigt, je­den­falls nach drei­mo­na­ti­gem Ein­satz (§ 7 Satz 2 Be­trVG). Auch von da­her spricht nichts da­ge­gen, sie als "wahl­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer" im Sin­ne von § 111 Satz 1 Be­trVG mit­zuzählen.

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Letzte Überarbeitung: 1. Juni 2017

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