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Kün­di­gung ei­nes Chef­arz­tes we­gen Wie­der­ver­hei­ra­tung?

Dem Chef­arzt ei­nes ka­tho­li­schen Kran­ken­hau­ses kann we­gen Wie­der­ver­hei­ra­tung nicht ge­kün­digt wer­den, wenn das Kran­ken­haus sei­ne kir­chen­recht­li­chen Grund­sät­ze nicht kon­se­quent an­wen­det: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 08.09.2011, 2 AZR 543/10

12.09.2011. In ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über die Fra­ge ent­schie­den, ob ein ka­tho­li­sches Kran­ken­haus ei­nem ka­tho­li­schen Chef­arzt aus ver­hal­tens­be­ding­ten Grün­den kün­di­gen kann, weil die­ser nach ei­ner zi­vi­len Schei­dung sei­ne neue Le­bens­part­ne­rin in kir­chen­recht­lich un­zu­läs­si­ger Wei­se ge­hei­ra­tet hat­te.

Wir be­rich­te­ten be­reits über die­sen Fall, über den in der zwei­ten In­stanz das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düs­sel­dorf ent­schie­den hat (Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/205 Zwei­te Hei­rat als Kün­di­gungs­grund?).

Bei der Ab­wä­gung zwi­schen den Rech­ten des ka­tho­li­schen Ar­beit­ge­bers und der Pri­vat­sphä­re des Chef­arz­tes und sei­ner Ehefrei­heit (Art. 6 Grund­ge­setz - GG) hat das BAG die Rech­te des Chef­arz­tes stär­ker ge­wich­tet und da­her pro Arzt ent­schie­den: BAG, Ur­teil vom 08.09.2011, 2 AZR 543/10.

Wiederverheiratung des Chefarztes eines katholischen Krankenhauses als Kündigungsgrund?

Auch Ar­beit­neh­mer kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen können sich auf den Kündi­gungs­schutz nach dem KSchG be­ru­fen, müssen aber auch kirch­li­che Rechts­re­geln be­ach­ten, die gemäß dem Ar­beits­ver­trag gel­ten. Da­her können all­tags­mo­ra­li­sche „Pflicht­verstöße“ von Kir­chen­mit­ar­bei­tern ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung recht­fer­ti­gen.

Bei Kündi­gungs­schutz­kla­gen ist dann das Selbst­be­stim­mungs­recht der Kir­chen, das durch Art.140 Grund­ge­setz (GG) in Verb. mit Art.137 Abs.3 Wei­ma­rer Rechts­ver­fas­sung (WRV) und die Re­li­gi­ons­frei­heit (Art. 4 GG) geschützt wird, mit dem staat­li­chen Ar­beits- und Kündi­gungs­schutz­recht in Ein­klang zu brin­gen. Hat der gekündig­te Ar­beit­neh­mer ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Po­si­ti­on, zie­hen kirch­li­che Ar­beit­ge­ber meist den kürze­ren.

Aber wie ist es mit dem Chef­arzt ei­nes ka­tho­li­schen Kran­ken­hau­ses - kann ihm we­gen Wie­der­ver­hei­ra­tung gekündigt wer­den? Dar­um dreht sich ein Ur­teil des BAG vom 08.09.2011 (2 AZR 543/10).

Der Streitfall: Chefarzt eines katholischen Krankenhauses heiratet nach "weltlicher" Scheidung erneut

Ein Chef­arzt an ei­nem ka­tho­li­schen Kran­ken­haus wur­de 2006 ge­schie­den und leb­te seit­dem mit sei­ner neu­en Le­bens­part­ne­rin in eheähn­li­cher Ge­mein­schaft. Dies wuss­te und dul­de­te das Kran­ken­haus seit 2006 still­schwei­gend.

2008 hei­ra­te­te er sei­ne Le­bens­gefähr­tin stan­des­amt­lich. Das Kran­ken­haus erklärte dar­auf­hin die or­dent­li­che ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung. Nach der Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes hat­te der Chef­arzt durch die ungülti­ge (zwei­te) Ehe ei­nen er­heb­li­chen Pflicht­ver­s­toß be­gan­gen.

Mit sei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge hat­te der Chef­arzt vor dem Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf Er­folg (Ur­teil vom 30.07.2009, 6 Ca 2377/09) und auch in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf (Ur­teil vom 01.07.2010, 5 Sa 996/09 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 10/205 Zwei­te Hei­rat als Kündi­gungs­grund?).

Bundesarbeitsgericht entscheidet für die Privatsphäre des Chefarztes: Keine Kündigung wegen Wiederverheiratung

Auch das BAG ent­schied für den Chef­arzt. In der Pres­se­mit­tei­lung vom 08.09.2011 heißt es da­zu, dass ein ver­hal­tens­be­ding­ter Kündi­gungs­grund im Sin­ne von § 1 KSchG nicht vor­lag.

Der Chef­arzt hat­te zwar ei­nen er­heb­li­chen Loya­litäts­ver­s­toß be­gan­gen, der „an sich“ ei­ne Kündi­gung recht­fer­ti­gen würde. Den­noch über­wo­gen letzt­lich sei­ne In­ter­es­sen.

Denn zum ei­nen hat­te das Kran­ken­haus sei­ne Grundsätze nicht kon­se­quent an­ge­wandt, in­dem es die nicht­ehe­li­che Ge­mein­schaft des Chef­arz­tes von 2006 bis 2008 schwei­gend ge­dul­det hat­te. Und zum an­de­ren be­kann­te sich der Chef­arzt nach wie vor zur ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re. Dann aber ge­hen sei­ne Pri­vat­sphäre und sei­ne Ehefrei­heit (Art.6 GG) vor.

Fa­zit: Wer als Führungs­kraft ei­ne kirch­li­che Ein­rich­tung re­präsen­tiert, muss kirch­li­che Grund­re­geln der Le­bensführung be­ach­ten, mögen sie auch noch so kon­ser­va­tiv sein. Auf die­se Re­geln kann die Kir­che ei­ne Kündi­gung aber nur stützen, wenn sie den Verhält­nismäßig­keits­grund­satz und das Ver­bot wi­dersprüchli­chen Ver­hal­tens be­ach­tet. Dar­an kann ei­ne Kündi­gung im Ein­zel­fall schei­tern.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Hin­weis: Der ver­klag­te Ar­beit­ge­ber, d.h. der ka­tho­li­sche Kran­ken­haus­träger, hat ge­gen das BAG-Ur­teil vom 08.09.2011 (2 AZR 543/10) Ver­fas­sungs­be­schwer­de beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) er­ho­ben. Auf die Ver­fas­sungs­be­schwer­de hin hat das BVerfG das Ur­teil des BAG auf­ge­ho­ben und den Fall zum BAG zurück­ver­wie­sen. Das BAG hat dar­auf­hin den Fall dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof (EuGH) vor­ge­legt. Den Be­schluss des BVerfG und ei­ne Ent­schei­dungs­be­spre­chung so­wie den Vor­la­ge­be­schluss des BAG und ei­ne Ent­schei­dungs­be­spre­chung da­zu fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 8. August 2016

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