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Über­stun­den: Be­zah­lung nicht im­mer er­for­der­lich - Ber­li­ner An­walt schei­tert vor dem BAG

Ar­beits­ver­trags­klau­seln, de­nen zu­fol­ge Über­stun­den mit dem Ge­halt ab­ge­gol­ten sind, sind un­wirk­sam, doch folgt dar­aus kein An­spruch auf Über­stun­den-Be­zah­lung.: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 17.08.2011, 5 AZR 406/10
15.12.2011. Wer Über­stun­den macht, ar­bei­tet län­ger als er ar­bei­ten müss­te. Ge­nau­er ge­sagt wird die vom ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer ge­schul­de­te, für ihn ar­beits­ver­trag­lich oder ta­rif­ver­trag­lich fest­ge­leg­te Ar­beits­zeit über­schrit­ten, und zwar auf Ver­an­las­sung oder zu­min­dest mit Dul­dung des Ar­beit­ge­bers.

Über­stun­den sind im All­ge­mei­nen zu­sätz­lich zu be­zah­len, d.h. der re­gu­lä­re (Mo­nats-)Lohn bzw. das re­gu­lä­re (Mo­nats-)Ge­halt ist um das Geld für die Über­stun­den auf­zu­sto­cken. Denn an­sons­ten wür­de der Ar­beit­neh­mer ja mehr Ar­beit leis­ten, als ihm der Ar­beit­ge­ber be­zahlt, d.h. er wür­de im Um­fang der ge­leis­te­ten Über­stun­den um­sonst ar­bei­ten. Das kann der Ar­beit­ge­ber von ei­nem "nor­ma­len" Ar­beit­neh­mer nicht ver­lan­gen.

Aber ha­ben auch sehr gut be­zahl­te Ar­beit­neh­mer, die "Diens­te hö­he­rer Art" leis­ten, im­mer ei­nen An­spruch auf ge­son­der­te Be­zah­lung ih­rer Über­stun­den? Nein, nicht un­be­dingt, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil (BAG, Ur­teil vom 17.08.2011, 5 AZR 406/10).

Müssen Überstunden immer bezahlt werden, wenn vertragliche Überstundenpauschalisierungen unwirksam sind?

Ar­beits­ver­trag­li­che Über­stun­den­re­ge­lun­gen se­hen manch­mal vor, dass Über­stun­den nicht ge­son­dert zu be­zah­len sind, son­dern mit dem Fest­ge­halt ab­ge­gol­ten sind. Sol­che Klau­seln sind in al­ler Re­gel All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB), die der Ar­beit­ge­ber ein­sei­tig in sei­nem In­ter­es­se aus­ge­ar­bei­tet hat und dem Ar­beit­neh­mer bei Ver­trags­schluss zur An­nah­me stellt. Als AGB müss­ten sol­che Über­stun­den-Ab­gel­tungs­klau­seln für den Ar­beit­neh­mer klar und verständ­lich sein, denn das schreibt § 307 Abs.1 Satz 2 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) vor.

Sol­che Ab­gel­tungs­klau­seln sind aber meist al­les an­de­re als klar und verständ­lich, da sich ih­nen meist nicht ent­neh­men lässt, wie­vie­le Über­stun­den denn „er­for­der­lich“ sein wer­den und in wel­chem Um­fang der Ar­beit­neh­mer da­her für sei­ne Ar­beit kei­ne Be­zah­lung er­hal­ten soll. Da­her ist die Klau­sel, wo­nach "er­for­der­li­che Über­stun­den" mit dem Ge­halt ab­ge­gol­ten sind, un­wirk­sam (BAG, Ur­teil vom 01.09.2010, 5 AZR 517/09, wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 11/010 Kei­ne pau­scha­le Ab­gel­tung „er­for­der­li­cher Über­stun­den“ mit dem Ge­halt).

Dass ei­ne Über­stun­den­pau­scha­li­sie­rung un­wirk­sam ist, heißt meis­tens, dass ge­leis­te­te Über­stun­den zu be­zah­len sind, denn dann ist § 612 Abs.1 BGB an­zu­wen­den. Da­nach gilt ei­ne Vergütung als still­schwei­gend ver­ein­bart, wenn die Dienst­leis­tung den Umständen nach nur ge­gen ei­ne Vergütung zu er­war­ten ist. Und das ist bei den meis­ten Ar­beit­neh­mern der Fall. Aber nicht un­be­dingt bei gut be­zahl­ten Ar­beit­neh­mern, die "höhe­re Diens­te" leis­ten.

Der Streitfall: Berliner Rechtsanwalt mit einem Jahresgehalt von 88.000 EUR klagt auf Bezahlung von Überstunden

In dem Streit­fall hat­te ein an­ge­stell­ter Rechts­an­walt aus Ber­lin mit ei­nem Jah­res­ge­halt von zu­letzt 88.000 EUR nach sei­ner Ent­las­sung Be­zah­lung für 930 Über­stun­den ein­ge­klagt, im­mer­hin 39.362,26 EUR brut­to. Im Ar­beits­ver­trag war ei­ne Klau­sel ent­hal­ten, der zu­fol­ge "ei­ne et­waig not­wen­dig wer­den­de Über- oder Mehr­ar­beit" durch die zu zah­len­de Brut­to­vergütung ab­ge­gol­ten sein soll­te.

Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin hat­te die Kla­ge ab­ge­wie­sen, da es mein­te, der An­walt hätte ge­nau­er vor­tra­gen müssen, zu wel­chen Zei­ten und war­um er Über­stun­den ge­leis­tet hat­te.

Da­ge­gen hat­te er vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg Er­folg, da das LAG oh­ne nähe­re Be­gründung da­von aus­ging, dass die strei­ti­gen Über­stun­den auf der Grund­la­ge von § 612 Abs.1 BGB zu be­zah­len sei­en. Und die Über­stun­den selbst, so das LAG, hat­te der An­walt an­geb­lich genügend kon­kret dar­ge­legt.

Hier sei von ei­ner Dul­dung der Über­stun­den durch die Kanz­lei­in­ha­ber aus­zu­ge­hen. Denn der Ar­beit­ge­ber dul­det Über­stun­den, so das LAG, wenn Über­stun­den über meh­re­re Wo­chen hin­weg er­bracht wer­den und der Ar­beit­ge­ber kei­ner­lei ernst ge­mein­te or­ga­ni­sa­to­ri­schen Vor­keh­run­gen trifft, um ei­ne frei­wil­li­ge Ab­leis­tung von Über­stun­den zu un­ter­bin­den.

BAG: Bei "Diensten höherer Art" gibt es keinen allgemeinen Rechtsgrundsatz, dass Überstunden zu vergüten sind

Hier hat das BAG nicht mit­ge­macht. Denn das LAG hat­te zwar rich­tig ge­se­hen, dass die Pau­scha­li­sie­rungs­klau­sel we­gen Un­klar­heit un­wirk­sam war, doch folgt dar­aus nicht im­mer, dass Über­stun­den ge­son­dert zu be­zah­len sind.

Es gibt "bei Diens­ten höhe­rer Art", so das BAG, kei­nen all­ge­mei­nen Rechts­grund­satz, dass je­de Mehr­ar­beits­zeit oder je­de dienst­li­che An­we­sen­heit über die ver­ein­bar­te Ar­beits­zeit hin­aus zu vergüten ist. Hier hätte der kla­gen­de An­walt al­so dar­le­gen müssen, dass mit ihm ver­gleich­ba­re an­ge­stell­te Anwälte in der be­klag­ten Kanz­lei und/oder in an­de­ren Kanz­lei­en in der Re­gel Be­zah­lung für ih­re Über­stun­den er­hal­ten. Das hat­te er nicht ge­tan.

Außer­dem gab es nach dem Sach­ver­halt An­halts­punk­te dafür, dass er auf ei­ne Auf­nah­me als Part­ner ge­hofft und in die­ser Hoff­nung Über­stun­den ge­leis­tet hat­te. Das tat er auf sein Ri­si­ko, so das BAG.

Fa­zit: Ar­beits­ver­trags­klau­seln, de­nen zu­fol­ge Über­stun­den mit dem Ge­halt ab­ge­gol­ten sind, sind un­wirk­sam, doch folgt dar­aus nicht in al­len Fällen ein An­spruch auf Über­stun­den­be­zah­lung. Bes­ser ver­die­nen­den Ar­beit­neh­mern und ih­ren Anwälten ist bei Über­stun­den­kla­gen da­her zu ra­ten, vor Ge­richt den Nach­weis zu führen, dass ver­gleich­ba­re Ar­beit­neh­mer im Un­ter­neh­men des Ar­beit­ge­bers und/oder in der je­wei­li­gen Bran­che ei­ne Be­zah­lung für ge­leis­te­te Über­stun­den er­hal­ten. Sonst folgt auf die Freu­de über die Un­wirk­sam­keit ei­ner for­mu­lar­ver­trag­li­chen Über­stun­den­pau­scha­li­sie­rung rasch die Enttäuschung darüber, dass der Ar­beit­ge­ber die Über­stun­den trotz­dem nicht be­zah­len muss.

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Letzte Überarbeitung: 5. Oktober 2015

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