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Be­ru­fung im Ar­beits­recht nur mit Un­ter­schrift

Trägt die Be­ru­fungs­schrift kei­ne Un­ter­schrift, son­dern ein blo­ßes Hand­zei­chen ("Pa­ra­phe"), ist die Be­ru­fung als un­zu­läs­sig zu ver­wer­fen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.02.2015, 5 AZR 849/13

26.05.2015. Wer im ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren in der ers­ten In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt den Kür­ze­ren zieht, kann meist Be­ru­fung zum Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) ein­le­gen.

Da­zu braucht man ei­nen An­walt oder ei­nen Ge­werk­schafts- bzw. Ar­beit­ge­ber­ver­bands­ju­ris­ten, der ein Schrei­ben auf­setzt und dar­in er­klärt, er le­ge ge­gen das Ar­beits­ge­richts­ur­teil Be­ru­fung ein.

Die­se Be­ru­fungs­schrift muss in­ner­halb ei­nes Mo­nats nach Zu­stel­lung des an­ge­grif­fe­nen Ur­teils beim LAG ein­ge­gan­gen sein. Au­ßer­dem muss die Be­ru­fungs­schrift vom An­walt bzw. Ver­bands­ju­ris­ten un­ter­schrie­ben sein, d.h. mit sei­ner ei­gen­hän­di­gen Un­ter­schrift ab­ge­schlos­sen wer­den.

Dar­an kann ein Be­ru­fung schei­tern, wie ein ak­tu­el­ler Fall des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) deut­lich macht: BAG, Ur­teil vom 25.02.2015, 5 AZR 849/13.

Wann kommt es im Arbeitsrecht auf Unterschriften an?

Im Ar­beits­recht geht es im All­ge­mei­nen nicht sehr for­ma­lis­tisch zu: Ar­beits­verträge können per Hand­schlag be­gründet und geändert wer­den, Ansprüche auf Son­der­zah­lun­gen können durch mehr­fach wie­der­hol­te fak­ti­sche Leis­tun­gen des Ar­beit­ge­bers be­gründet wer­den ("Be­triebsübung") und Be­triebsräte können ih­re Mit­be­stim­mungs­rech­te oft form­los, nämlich durch Re­ge­lungs­ab­spra­chen ausüben.

Manch­mal ist al­ler­dings ei­ne ei­genhändi­ge Un­ter­schrift auf dem al­tertümli­chen Me­di­um Pa­pier er­for­der­lich, so z.B. dann, wenn ein Ar­beits­verhält­nis gekündigt oder durch Auf­he­bungs­ver­trag be­en­det wer­den soll (§ 623 Bürger­li­ches Ge­setz­buch - BGB), wenn ein Ar­beits­verhält­nis be­fris­tet wer­den soll (§ 14 Abs.4 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz - Tz­B­fG) oder wenn ei­ne Lohn­kla­ge oder Kündi­gungs­schutz­kla­ge auf herkömm­li­chem We­ge er­ho­ben wer­den sol­len, d.h. nicht im elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr.

Auch ei­ne Be­ru­fungs­schrift, mit der ein ar­beits­ge­richt­li­ches Ur­teil an­ge­grif­fen wird, muss vom Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten ei­genhändig un­ter­schrie­ben wer­den.

Das er­gibt sich aus § 64 Abs.6 Satz 1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) in Ver­bin­dung mit § 519 Abs.4 und § 130 Nr.6 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO). Nach § 130 Nr.6 ZPO "sol­len" die vor­be­rei­ten­den Schriftsätze, zu de­nen auch die Be­ru­fungs­schrift gehört, die Un­ter­schrift der Per­son ent­hal­ten, die den Schrift­satz ver­ant­wor­tet. Und "sol­len" heißt nach der Recht­spre­chung zu die­sem ZPO-Pa­ra­gra­phen "müssen".

Ei­ne Un­ter­schrift muss zwar nicht le­ser­lich sein, aber er­ken­nen las­sen, dass der Un­ter­zeich­nen­de sei­nen vol­len Na­men schrei­ben woll­te. Ist die­se Ab­sicht nicht vor­han­den, d.h. wird von vorn­her­ein ein bloßer "Krin­gel" oder der An­fangs­buch­sta­be des Na­mens zu Pa­pier ge­bracht, spricht man von ei­nem Hand­zei­chen bzw. ei­ner Pa­ra­phe. So et­was ist kei­ne Un­ter­schrift.

Der Un­ter­schied zwi­schen Un­ter­schrift und Pa­ra­phe kann für die Fra­ge, ob ei­ne Be­ru­fung zulässig ist oder nicht, ent­schei­den­de Be­deu­tung ha­ben.

Der Fall des BAG: Zwei nach rechts oben strebende, miteinander verbundene Linien

Im Streit­fall hat­te ein Leih­ar­beit­neh­mer auf Zah­lung des Loh­nes ge­klagt, den ver­gleich­ba­re Ar­beit­neh­mer im Ent­lei­her­be­trieb er­hiel­ten ("equal pay"). Mit die­ser Kla­ge hat­te er vor dem Ar­beits­ge­richt Bam­berg Er­folg (Ur­teil vom 23.11.2011, 5 Ca 626/11).

Denn da sein Ar­beit­ge­ber, die Zeit­ar­beits­fir­ma, in ih­ren Ar­beits­verträgen auf die un­wirk­sa­men Schein-Ta­rif­verträge der CG­ZP ver­wie­sen hat­te, wur­de der Grund­satz des equal pay (§ 9 Nr.2 ers­ter Halb­satz Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­ge­setz - AÜG) hier nicht durch ta­rif­ver­trag­li­che Be­zah­lung nach Leih­ar­beits­ta­ri­fen ver­drängt. Da­her wur­de die Zeit­ar­beits­fir­ma zu ei­ner Lohn­nach­zah­lung von 4.334,03 EUR brut­to ver­ur­teilt.

Ge­gen die­ses Ur­teil leg­te die Zeit­ar­beits­fir­ma über ei­nen An­walt Be­ru­fung zum Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nürn­berg ein. Der An­walt "un­ter­zeich­ne­te" die Be­ru­fungs­schrift mit zwei schwung­vol­len, katz­bu­ckel­ar­ti­gen Li­ni­en, die von links un­ten nach rechts oben streb­ten und mit­ein­an­der ver­bun­den wa­ren. Die Li­ni­en er­in­ner­ten ein we­nig an ei­nen Ak­ti­en­chart, der ei­ne Kurs­be­we­gung nach oben ab­bil­det, wo­bei die po­si­ti­ve Kurs­be­we­gung zwi­schen­zeit­lich ein klei­ne Del­le erhält.

Das war of­fen­sicht­lich kei­ne Un­ter­schrift, son­dern ein "Krin­gel". Auch die späte­re Be­ru­fungs­be­gründung war in die­ser Wei­se ab­ge­zeich­net. Dar­auf wies das LAG Nürn­berg die Par­tei­en hin.

Vor dem LAG Nürn­berg wur­de zwei­mal münd­lich ver­han­delt, wo­bei der Kläger­ver­tre­ter das Feh­len ei­ner Un­ter­schrift un­ter der Be­ru­fungs­schrift erst­mals im zwei­ten Ter­min be­an­stan­de­te. Die­se Be­an­stan­dung hielt das LAG für ver­spätet, da er sich im ers­ten Ter­min oh­ne ei­ne sol­che Be­an­stan­dung auf die Be­ru­fung in der Sa­che ein­ge­las­sen ha­be. Letzt­lich wies das LAG die Be­ru­fung aber doch zurück, da es der Mei­nung war, dem Kläger ste­he der ein­ge­klag­te Zah­lungs­an­spruch zu (LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 07.08.2013, 4 Sa 37/12).

BAG: Ist die Berufungsschrift nicht mit der Unterschrift, sondern nur mit einem Handzeichen des Prozessbevollmächtigten versehen, ist die Berufung unzulässig

Vor dem BAG hat­te die Zeit­ar­beits­fir­ma kei­nen Er­folg, da das BAG die Be­ru­fung als un­zulässig an­sah. Da­her hätte sich das LAG Nürn­berg mit der Sa­che selbst gar nicht mehr be­fas­sen dürfen, son­dern hätte die Be­ru­fung von vorn­her­ein, d.h. als un­zulässig ver­wer­fen müssen.

Denn da die Be­ru­fungs­schrift nicht un­ter­zeich­net wor­den war, lag ein Ver­s­toß ge­gen § 64 Abs.6 Satz 1 ArbGG, § 519 Abs.4 ZPO und § 130 Nr.6 ZPO vor. Die­se Form­verstöße führ­ten da­zu, dass die Be­ru­fung als un­zulässig an­zu­se­hen war, wo­bei es auf die an­geb­li­che "rüge­lo­se Ein­las­sung" des Klägers auf die Be­ru­fung nach An­sicht der Er­fur­ter Rich­ter nicht an­kam. Der Leit­satz der Ent­schei­dung des BAG lau­tet:

"Trägt die Be­ru­fungs­schrift kei­ne Un­ter­schrift, fehlt es an ei­nem von Amts we­gen zu prüfen­den, für die Zulässig­keit des Rechts­mit­tels zwin­gen­den und un­ver­zicht­ba­ren For­mer­for­der­nis (§ 295 Abs.2 ZPO), das nicht durch rüge­lo­se Ein­las­sung ge­heilt wer­den kann (§ 295 Abs.1 ZPO)."

Fa­zit: Es gibt Fra­gen, die man als An­walt nicht ger­ne vor Ge­richt dis­ku­tiert. Da­zu gehört die Fra­ge, ob die Un­ter­schrift, die man un­ter ei­ne Kla­ge oder Be­ru­fungs­schrift ge­setzt hat, über­haupt als Un­ter­schrift an­zu­se­hen ist oder aber als bloße Pa­ra­phe mit der Fol­ge, dass ei­ne Kla­ge­frist oder die ein­mo­na­ti­ge Be­ru­fungs­frist versäumt wur­de.

Letzt­lich hat­te der An­walt hier Glück im Unglück, denn da das Ar­beits­ge­richt und das LAG übe­rein­stim­mend der Mei­nung wa­ren, dass der strei­ti­ge An­spruch be­stand, hat­te der Pat­zer bei der Aus­fer­ti­gung der Be­ru­fungs­schrift kei­nen Scha­den für die Zeit­ar­beits­fir­ma zu Fol­ge.

Um sol­che un­an­ge­neh­men Si­tua­tio­nen zu ver­mei­den, soll­te man sich als An­walt für die Un­ter­zeich­nung von Schriftsätzen und Be­glau­bi­gungs­ver­mer­ken aus­rei­chend Zeit neh­men. 

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Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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