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Be­triebs­be­ding­te Kün­di­gung oder Wei­ter­be­schäf­ti­gung im Aus­land?

Be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen sind auch dann rech­tens, wenn freie Ar­beits­plät­ze im Aus­land be­ste­hen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 29.08.2013, 2 AZR 809/12

03.09.2011. Ent­schei­det sich der Ar­beit­ge­ber für ei­ne Be­triebs­schlie­ßung, er­hal­ten die im Be­trieb be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mer im Nor­mal­fall ei­ne be­triebs­be­ding­te Kün­di­gung.

Die Per­spek­ti­ve ei­ner Wei­ter­be­schäf­ti­gung gibt es nur in Aus­nah­me­fäl­len, näm­lich dann, wenn das Un­ter­neh­men ei­nen oder meh­re­re Be­trie­be an ei­nem an­de­ren Ort un­ter­hält, in die die Ar­beit­neh­mer ver­setzt oder auf der Grund­la­ge Än­de­rungs­kün­di­gung wei­ter ein­ge­setzt wer­den kön­nen.

Auch ein sol­cher Orts­wech­sel ist aber oft nicht mög­lich, denn er setzt vor­aus, dass dort freie Stel­le vor­han­den sind.

Und die an­de­re Be­triebs­stät­te des Ar­beit­ge­bers darf sich nicht im Aus­land be­fin­den, denn auf freie Stel­len im Aus­land kommt es nicht an, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­nen Be­trieb in Deutsch­land schließt. Hin­ter die­sen Grund­satz hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) am Don­ners­tag letz­ter Wo­che ein Fra­ge­zei­chen ge­setzt: BAG, Ur­teil vom 29.08.2013, 2 AZR 809/12.

Muss der Arbeitgeber bei Betriebsschließungen in Deutschland Arbeitnehmern Arbeitsplätze im Ausland anbieten?

Nach § 1 Abs.2 Satz 2 Nr.1 b) Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) ist ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung un­wirk­sam, wenn der Ar­beit­neh­mer

  • an ei­nem an­de­ren Ar­beits­platz in dem­sel­ben Be­trieb oder
  • an ei­nem an­de­ren Ar­beits­platz in ei­nem an­de­ren Be­trieb des Un­ter­neh­mens

wei­ter­beschäftigt wer­den kann. Da­bei ver­langt das KSchG nicht aus­drück­lich, dass ei­ne sol­che Möglich­keit der Wei­ter­beschäfti­gung in Deutsch­land be­ste­hen muss.

Nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung des BAG meint "Be­trieb" im Sin­ne der ers­ten bei­den Ab­schnit­te des KSchG aber nur in Deutsch­land ge­le­ge­ne Be­trie­be. Denn die Vor­schrif­ten des KSchG über die So­zi­al­aus­wahl, die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge usw. set­zen vor­aus, dass Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer an deut­sches Ar­beits­recht ge­bun­den sind (BAG, Ur­teil vom 26.03.2009, 2 AZR 883/07).

Die­ser Recht­spre­chung fol­gen auch die meis­ten Lan­des­ar­beits­ge­rich­te (LAGs), so z.B. das LAG Ham­burg (Ur­teil vom 11.05.2011, 5 Sa 1/11 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/186 LAG Ham­burg - Kündi­gung bei Beschäfti­gungsmöglich­keit im Aus­land) und das LAG Ber­lin Bran­den­burg (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom Ur­teil vom 01.06.2011, 4 Sa 218/11 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/226 Kündi­gung - LAG Ber­lin seg­net be­triebs­be­ding­te Kündi­gung auch bei Ein­satzmöglich­keit im Aus­land ab).

Al­ler­dings gab es in den letz­ten Jah­ren auch ab­wei­chen­de Ent­schei­dun­gen (LAG Ham­burg, Ur­teil vom 22.03.2011, 1 Sa 2/11).

Mit sei­nem Ur­teil vom Don­ners­tag letz­ter Wo­che hat das BAG an­ge­deu­tet, dass es Aus­nah­men von sei­ner Recht­spre­chung für möglich hält.

Der Streitfall: Produktionsverlagerung von Nordrhein-Westfalen nach Tschechien

Im Streit­fall ging es um ein Un­ter­neh­men mit Sitz in Nord­rhein-West­fa­len, das Ver­bands­stof­fe her­stellt. Die­se wur­den schon seit lan­gem in Tsche­chi­en pro­du­ziert. Die End­fer­ti­gung und Ver­pa­ckung wi­ckel­te das Un­ter­neh­men aber nach wie vor in Nord­rhein-West­fa­len ab.

Doch da­mit soll­te zum 01.02.2012 Schluss sein, d.h. ab die­sem Zeit­punkt soll­te die ge­sam­te Pro­duk­ti­on in Ja­ro­mer in Tsche­chi­en statt­fin­den. In Deutsch­land soll­te nur die Ver­wal­tung und der kaufmänni­sche Be­reich be­ste­hen blei­ben.

Im Hin­blick auf die Sch­ließung sei­nes Pro­duk­ti­ons­be­trie­bes kündig­te das Un­ter­neh­men al­len in der Pro­duk­ti­on beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern be­triebs­be­dingt zum 31.01.2012. Ei­ne der da­von be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­me­rin­nen, die seit 1984 beschäftigt war, er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge.

Das Ar­beits­ge­richt So­lin­gen (Ur­teil vom 27.02.2012, 4 Ca 993/11) und das LAG Düssel­dorf (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 05.07.2012, 15 Sa 759/12) wie­sen die Kla­ge ab. Die Gründe, auf die sich das LAG stützt, sind in ei­nem Par­al­lel­fall do­ku­men­tiert (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 05.07.2012, 15 Sa 485/12).

BAG: Betriebsbedingte Kündigungen sind auch dann rechtens, wenn freie Arbeitsplätze im Ausland bestehen, aber es gibt Ausnahmen

Das BAG wies die Re­vi­si­on zurück und be­kräftig­te sei­ne Recht­spre­chung, wo­nach der ers­te Ab­schnitt des KSchG nur auf Be­trie­be an­zu­wen­den ist, die in Deutsch­land lie­gen. In die­sem Sin­ne, so das BAG in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung, muss der Be­triebs­be­griff in gemäß § 23 Abs.1 KSchG und in § 1 Abs.2 Satz 1, Satz 2 KSchG ver­stan­den wer­den.

Das heißt für Be­triebs­sch­ließun­gen wie im vor­lie­gen­den Fall:

Die Pflicht des Ar­beit­ge­bers, dem Ar­beit­neh­mer zur Ver­mei­dung ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung zu geänder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen an­zu­bie­ten, ist im All­ge­mei­nen nur auf freie Ar­beitsplätze in Deutsch­land be­zo­gen.

Da­her hätte der Ar­beit­ge­ber hier im Streit­fall kei­ne Ände­rungskündi­gung aus­spre­chen müssen. Er war nicht da­zu ver­pflich­tet, der gekündig­ten Ar­beit­neh­me­rin an­stel­le der Ent­las­sung die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses in Tsche­chi­en an­zu­bie­ten.

Da­bei deu­tet das BAG al­ler­dings zwei mögli­che Aus­nah­men an, die es viel­leicht künf­tig von dem Prin­zip ma­chen würde, dass sich gekündig­te Ar­beit­neh­mer nicht auf im Aus­land be­ste­hen­de Möglich­kei­ten ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung be­ru­fen können:

Ers­tens: Der Ar­beit­ge­ber ver­la­gert sei­nen Be­trieb als Gan­zen oder ei­nen Be­triebs­teil un­ter Wah­rung sei­ner Iden­tität ins Aus­land. Dann muss er mögli­cher­wei­se sei­ne bis­land in Deutsch­land beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer mögli­cher­wei­se mit­neh­men bzw. ih­nen zu­min­dest ein ent­spre­chen­des An­ge­bot ma­chen.

Zwei­tens: Die Weg­stre­cke zwi­schen dem in Deutsch­land ge­schlos­se­nen Be­trieb und dem ausländi­schen Be­trieb des Ar­beit­ge­bers, in dem wei­ter ge­ar­bei­tet wird, ist kurz. Auch dann muss er mögli­cher­wei­se ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung an­bie­ten. Im Streit­fall wa­ren bis­he­ri­ger Be­trieb und tsche­chi­scher Be­trieb aber meh­re­re hun­dert Ki­lo­me­ter von­ein­an­der ent­fernt. Da­her ga es hier kei­ne "Umstände, un­ter de­nen aus­nahms­wei­se ei­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers zu erwägen wäre, Ar­beit­neh­mer im Aus­land wei­ter­zu­beschäfti­gen".

Fa­zit: Die Er­fur­ter Rich­ter hal­ten an ih­rer Recht­spre­chung fest, dass be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen auch dann zulässig sind, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­nen Be­trieb im Aus­land un­terhält und es dort freie Ar­beitsplätze gibt. Al­ler­dings können freie Ar­beitsplätze im Aus­land aus­nahms­wei­se doch die Kündi­gung zu Fall brin­gen, wenn der gan­ze Be­trieb ins Aus­land ver­la­gert wird oder wenn die Weg­stre­cke zwi­schen bis­he­ri­gem Ein­satz­ort und ausländi­schem Be­trieb kurz ist.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 20. Oktober 2016

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