Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Ar­beits­zeit­ver­kür­zung kann Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters sein

Ei­ne nur vom Al­ter ab­hän­gi­ge Ver­kür­zung der Wo­chen­ar­beits­zeit bei vol­lem Lohn­aus­gleich ab 40 bzw. ab 50 Jah­ren ist al­ters­dis­kri­mi­nie­rend: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.10.2015, 8 AZR 168/14

01.07.2016. Ha­ben "äl­te­re" Ar­beit­neh­mer ein me­di­zi­nisch bzw. phy­sisch be­grün­de­tes grö­ße­res Be­dürf­nis nach Ru­he- und Er­ho­lung als ih­re jün­ge­ren Kol­le­gen?

Und falls ja, ab wel­chem Le­bens­al­ter wä­re ein sol­ches Be­dürf­nis ein Recht­fer­ti­gungs­grund, Ar­beit­neh­mern bei vol­lem Lohn­aus­gleich ei­ne Ver­rin­ge­rung ih­rer Ar­beits­zeit zu­zu­ge­ste­hen?

In ei­nem ak­tu­el­len Fall hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass ei­ne nur vom Le­bens­al­ter ab­hän­gi­ge Ver­kür­zung der Wo­chen­ar­beits­zeit ab 40 bzw. 50 Jah­ren bei vol­lem Lo­h­aus­gleich ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung jün­ge­rer Ar­beit­neh­mer ist: BAG, Ur­teil vom 22.10.2015, 8 AZR 168/14.

Werden jüngere Arbeitnehmer durch eine altersabhängige Verkürzung der Arbeitszeit diskriminiert?

Nach § 7 Abs.1 All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) dürfen Ar­beit­neh­mer nicht we­gen ih­res Al­ters ge­genüber ver­gleich­ba­ren Kol­le­gen be­nach­tei­ligt wer­den. Al­ler­dings kann ei­ne vom Al­ter abhängi­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lung in Aus­nah­mefällen gemäß § 10 Satz 1 AGG ge­recht­fer­tigt sein. Da­zu müss­te die al­ters­abhängi­ge Un­gleich­be­hand­lung "ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen" sein und sie müss­te durch ein "le­gi­ti­mes Ziel" ge­recht­fer­tigt sein.

Tra­di­tio­nell ent­hal­ten vie­le Ta­rif­verträge und Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen Re­ge­lun­gen zum The­ma Ur­laub oder Ar­beits­zeit, die "älte­re" Ar­beit­neh­mer bes­ser­stel­len.

Das ist je­den­falls dann rech­tens bzw. kei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung der schlech­ter ge­stell­ten jünge­ren Ar­beit­neh­mer, wenn die Grup­pe der begüns­tig­ten "älte­ren" Ar­beit­neh­mer über­schau­bar ist, d.h. die Ar­beit­neh­mer ab 60 Jah­ren oder ab "En­de 50" be­triff. So hat das BAG 2014 ent­schie­den, dass zwei Ta­ge mehr Ur­laub für Ar­beit­neh­mer ab 58 Jah­ren kei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung jünge­rer Ar­beit­neh­mer sind (BAG, Ur­teil vom 21.10.2014, 9 AZR 956/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/357 Mehr Ur­laubs­ta­ge für älte­re Ar­beit­neh­mer).

Frag­lich ist al­ler­dings, ob das Ar­gu­ment, man wol­le "älte­re" Ar­beit­neh­mer durch ei­ne Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung bei vol­lem Lohn­aus­glei­che schützen, auch dann über­zeu­gend ist, wenn man be­reits mit 40 bzw. 50 Jah­ren zu der "geschütz­ten" Grup­pe gehört.

Verwaltungsangestellte der Gewerkschaft ver.di klagt mit Ende 40 auf Anpassung ihres Gehalts entsprechend den Arbeitszeit- und Gehaltsregeln, die ab 50 Jahren gelten

Im Streit­fall ver­klag­te ei­ne Teil­zeit-Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te der Ge­werk­schaft ver.di mit ei­ner Wo­chen­ar­beits­zeit von 28,5 St­un­den ih­ren Ar­beit­ge­ber, die ver.di, auf ei­ne Lohn­nach­zah­lung von mo­nat­lich 104,00 EUR brut­to. Strei­tig war die Zeit von Ok­to­ber 2011 bis Mai 2013. In die­sem Zeit­raum war die An­ge­stell­te zwi­schen 47 und 49 Jah­re alt, ver­lang­te aber die Vergütung, die die ver.di den Ar­beit­neh­mer ab Al­ter 50 zahl­te.

Da­bei be­rief sie sich auf ei­ne Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung „All­ge­mei­ne Ar­beits­be­din­gun­gen“ (AAB), der zu­fol­ge die voll­zei­tig täti­gen Ar­beit­neh­mer der ver.di

  • bis zum Al­ter von 39 Jah­ren 38 St­un­den pro Wo­che,
  • ab 40 Jah­ren nur 36,5 St­un­den pro Wo­che und
  • ab 50 Jah­ren nur 35 St­un­den pro Wo­che ar­bei­ten muss­ten.

Da die An­ge­stell­te eh nur 28,5 St­un­den ar­bei­ten muss­te, wähl­te sie ab ih­rem 40. Ge­burts­tag die an­tei­li­ge Loh­nerhöhung, die ver.di Teil­zeit­kräften gewähr­te, da­mit auch sie in den Ge­nuss der Ar­beits­zeit­verkürzung gemäß den AAB kom­men konn­ten. Da­bei leg­te die ver.di die Voll­zeit­ar­beit für die 40 bis 49jähri­gen Ar­beit­neh­mer zu­grun­de, d.h. ei­ne Wo­chen­ar­beits­zeit von 36,5 St­un­den, und zahl­te der An­ge­stell­ten an­tei­lig 2.426,74 EUR brut­to.

Die An­ge­stell­te woll­te aber be­reits vor ih­rem 50. Ge­burts­tag ei­ne Lohn­an­pas­sung auf der Grund­la­ge der Voll­zeit­ar­beits­zeit von 35 St­un­den, wie sie nach den AAB erst ab 50 Jah­ren galt. Ihr Ar­gu­ment: Die Bes­ser­stel­lung der Kol­le­gen ab 50 Jah­ren sei al­ters­dis­kri­mi­nie­rend.

Da­mit hat­te sie vor dem Ar­beits­ge­richt Her­ford (Ur­teil vom 18.06.2013, 1 Ca 1445/13) und in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm über­wie­gend Er­folg (LAG Hamm, Ur­teil vom 30.01.2014, 8 Sa 942/13). Bei­de Ge­rich­te be­wer­te­ten die Bes­ser­stel­lung der Ar­beit­neh­mer ab 50 Jah­ren als Dis­kri­mi­nie­rung zu­las­ten der jünge­ren. Al­ler­dings hat­te die An­ge­stell­te die ver.di erst­mals mit Schrei­ben vom April 2012 zur Zah­lung auf­ge­for­dert, so dass die Ansprüche für die Mo­na­te von Ok­to­ber 2011 bis Ja­nu­ar 2012 we­gen der zwei­mo­na­ti­gen Aus­schluss­frist des § 15 Abs.4 Satz 1 AGG ver­fal­len wa­ren.

BAG: Eine nur vom Alter abhängige Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich ab 40 und ab 50 Jahren ist altersdiskriminierend

Auch in Er­furt hat­te die ver.di-An­ge­stell­te Er­folg, und zwar in vol­lem Um­fang. Das BAG sprach ihr nämlich auch die Lohn­dif­fe­renz für die Zeit für Ok­to­ber 2011 bis Ja­nu­ar 2012 zu.

Wie die Vor­in­stan­zen war das BAG der Mei­nung, dass ei­ne all­ge­mei­ne Ver­rin­ge­rung der Wo­chen­ar­beits­zeit bei vol­lem Lohn­aus­gleich nicht pau­schal so große Grup­pen begüns­ti­gen kann wie al­le Ar­beit­neh­mer ab 50 (oder gar ab 40 Jah­ren).

Denn ei­ne so er­heb­li­che Pri­vi­le­gie­rung we­gen des Al­ters ist gemäß § 10 Satz 1 AGG nur in Aus­nah­mefällen zulässig, d.h. un­ter en­gen Vor­aus­set­zun­gen, die hier nicht vor­la­gen. Da­zu hätte ver.di kon­kre­te Tat­sa­chen bzw. wis­sen­schaft­li­che Un­ter­su­chun­gen zum erhöhten Er­ho­lungs­bedürf­nis der über 40jähri­gen bzw. der über 50jähri­gen vor­tra­gen müssen.

Den An­spruch der Kläge­rin lei­te­ten die Er­fur­ter Rich­ter nicht aus dem Scha­dens­er­satz-Pa­ra­gra­phen des AGG (§ 15 AGG) her, son­dern aus § 4 Abs.2 Satz 1 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG). Da­nach dürfen Teil­zeit­kräfte nicht schlech­ter als Voll­zeit­kräfte be­han­delt wer­den. Und da Voll­zeit­kräfte be­reits im Al­ter zwi­schen 40 und 49 An­spruch auf ei­ne Ar­beits­zeit von 35 St­un­den hat­ten (denn die Bes­ser­stel­lung der Ar­beit­neh­mer ab 50 war dis­kri­mi­nie­rend, so dass auch die jünge­ren schon ei­ne 35-St­un­den-Wo­che ver­lan­gen konn­ten), konn­te sich die Kläge­rin auf § 4 Tz­B­fG be­ru­fen, denn die ver.di ver­wei­ger­te ihr die vol­le zeit­an­tei­li­ge Be­zah­lung auf der Grund­la­ge des St­un­den­lohns, der sich aus ei­ner 35-St­un­den-Wo­che er­rech­ne­te.

Kri­tisch ist an­zu­mer­ken, dass die Her­lei­tung des An­spruchs der Kläge­rin aus § 4 Tz­B­fG ziem­lich geküns­telt wirkt und of­fen­bar dem "Zweck" dient, die Aus­schluss­frist des § 15 Abs.4 AGG aus­zu­he­beln. Es fragt sich auch, wor­auf sich ver­gleich­ba­re Voll­zeit­ar­beit­neh­mer der ver.di be­ru­fen soll­ten, denn § 4 Tz­B­fG gilt ja nur für Teil­zeit­kräfte. Hier­zu enthält das BAG-Ur­teil nur die (nicht be­gründe­te) Be­haup­tung, auch Voll­zeit­kräfte bräuch­ten sich nicht auf den Scha­dens­er­satz­an­spruch des § 15 Abs.1, 2 AGG zu be­ru­fen und würden da­her nicht (durch die zwei­mo­na­ti­ge Aus­schluss­frist des § 15 Abs.4 AGG) schlech­ter ge­stellt als die hier kla­gen­de Teil­zeit­kraft (Ur­teil, S.27 oben).

Fa­zit: Das Ar­gu­ment der nach­las­sen­den Leis­tungsfähig­keit zieht bei al­ters­abhängi­gen Ar­beits­zeit­verkürzun­gen oder bei zusätz­li­chen Ur­laubs­ta­gen erst ab En­de 50, frühes­tens viel­leicht ab Mit­te 50. Wer be­reits den 50jähri­gen Ar­beit­neh­mern mehr Ur­laubs­ta­ge oder ei­ne verkürz­te Wo­chen­ar­beits­zeit zu­gu­te kom­men las­sen möch­te, be­geht da­mit ei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung zu­las­ten ver­gleich­ba­rer jünge­rer Ar­beit­neh­mer.

Das wird teu­er, denn die dis­kri­mi­nier­ten Ar­beit­neh­mer können nach dem Prin­zip der An­glei­chung nach oben die Vergüns­ti­gun­gen be­an­spru­chen, die die al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­den Re­ge­lun­gen den Älte­ren vor­be­hal­ten soll.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 2. August 2016

Bewertung: Ar­beits­zeit­ver­kür­zung kann Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters sein 5.0 von 5 Sternen (2 Bewertungen)

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Autorenprofil

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880